Leiden die Kinder, wenn Eltern streiten? Über Konflikte als Paar und eine Geschichte von Wunderwolken.

Streit als Thema in der (Online-) Paarberatung und Paartherapie

 

Streiten als Paar und die Sorge, dass das Streiten den Kindern schaden könnte, gehören zu den häufigsten Gründen, warum Paare in meiner (Online-) Praxis anmelden.

 

Viele Eltern spüren, wenn ihr Verhalten in Konfliktsituationen ihrer Partnerschaft nicht guttut - und sie spüren, wenn Streit ein Klima schafft, in dem sich die Kinder unwohl fühlen.

 

Auch die familien- und entwicklungspsychologische Forschung sagt: Ein friedvolles Familienklima ist eine der wichtigsten Grundlagen für eine gesunde Entwicklung der Kinder.

 

Streit und Konflikte sind nicht dasselbe

Manchmal passiert uns eine Verwechslung: Ein "friedvolles Familienklima" bedeutet nicht, dass es keine Konflikte gibt.

In jeder Familie gibt es Konflikte. Dies ist gar nicht anders möglich. Denn als Familie leben wir auf engem Raum zusammen und jeder Mensch, ganz gleich wie jung oder alt, hat eigene Merkmale, Bedürfnisse und Wünsche. Und so treffen eben manchmal auch Unterschiede aufeinander, die sich nicht unter einen Hut bringen lassen.

 

Partnerinnen und Partner treffen mit ihren Bedürfnissen in besonderer Weise aufeinander. Denn bestimmte Bedürfnisse wollen wir uns durch die Partnerschaft erfüllen - zumindest teilweise. So zum Beispiel unser Bedürfnis nach Nähe. Hier kann es eine besondere Herausforderung sein, wenn wir bemerken, dass unser Partner oder unsere Partnerin deutlich mehr oder weniger Nähe braucht als wir selbst.

 

Konflikte sind also ein normaler Bestandteil des Zusammenlebens.

 

Eine Möglichkeit mit Konflikten als Paar umzugehen ist, sie "unter den Teppich zu kehren". Diese Idee ist erst einmal weder gut noch schlecht - wir nutzen diese Art des Umgangs mit Konflikten alle hin und wieder. Das Aushandeln von Lösungen kostet Energie. Und als Eltern, insbesondere mit jungen Kindern, leben wir häufig unter Ressourcenknappheit in Bezug auf Zeit und Energie.

 

Anteile von uns, die wir dauerhaft versuchen zu unterdrücken, neigen häufig dazu, sich "aufzublasen". Denn wer oder was mag schon gerne unter den Teppich geschoben oder in den Schrank gesperrt werden.

Das kannst du dir vorstellen, wie die "bunte Show" eines Paradiesvogels beim Paarungstanz, die dazu dient, keinesfalls übersehen zu werden.

 

Wenn Bedürfnisse langfristig unerfüllt oder Erlebnisse unintegriert bleiben, versucht unser Körper darauf hinzuweisen, dass etwas fehlt. Manchmal spüren wir dies beispielsweise daran, dass wir schlecht schlafen, uns traurig oder „dünnhäutig" fühlen, unser Magen oder der Kopf schmerzt.

 

Die Kunst liegt also womöglich nicht darin, Konflikte dauerhaft zu ignorieren. Stattdessen brauchen wir zunächst einmal eine wohlwollende Haltung uns selbst gegenüber. Und eine Prise Mut, uns unsere Eigenschaften und Bedürfnisse zuzugestehen - und auch unseren Familienmitgliedern.

Unsere Haltung kann bereits beeinflussen, ob und in welchem Ausmaß uns das Auftreten von Konflikten Stress bereitet.

 

Die isolierte Entscheidung weniger zu streiten hilft selten

Studien zeigen, dass viele Paare eine solche Haltung entwickelt haben. Sie wissen, wie sie konstruktiv in Konfliktsituationen miteinander umgehen könnten. Ihnen ist eine wertschätzende Kommunikation wichtig und sie wollen einander mit unterschiedlichen Standpunkten akzeptieren.

Und gleichzeitig erleben viele Paare immer wieder, dass die Umsetzung nicht gelingt.

Denn unter Stress verlieren wir den Zugang zu den Kompetenzen, die es braucht.

Alle Eltern kennen es: Nach einem emotionalen Tag mit den Kindern, nach einem herausfordernden Arbeitstag, nach einer durchwachten Nacht (und als Eltern gehört eine Kombination aus alledem häufig zum normalen Alltag) sind die eigenen Ressourcen aufgebraucht. Wir sind dann nicht mehr in unserem inneren Wohlfühlbereich, sondern stehen stets schon mit einem Bein auf der Treppe ins Dachgeschoss der Wut oder in den Keller der Erschöpfung. Sind die Ressourcen beider Partner*innen aufgebraucht, kumuliert sich dieser Effekt.

In der Folge kann es passieren, dass wir - jeweils zum eigenen Schutz - einander kritisieren und ein "Ping Pong" aus Vorwürfen und Rechtfertigungen spielen. Dies zeigt sich in unserer Mimik und Gestik, die auch die Kinder wahrnehmen - und die sie durchaus auch als bedrohlich wahrnehmen können.

 

Vielen Paaren hilft das Wissen über die neurobiologischen Prozesse, die während des Streits ablaufen. In meinem Online-Vortrag „Streit in der Partnerschaft – über einen möglichen Umgang mit den Wellen des Familienlebens“ beschreibe ich einige grundlegenden Aspekte. Mit einem "Rüstzeug an Wissen" im Hintergrund können Paare an verschiedenen Punkten ansetzen. Nach meiner Definition ist "streiten" stressbedingtes Verhalten, bei dem häufig Verletzungen passieren. Streit ist meines Erachtens nach also nicht an sich, wie manchmal zu lesen ist, "beziehungsstärkend" oder "wichtiger Bestandteil des Familienlebens".

 

Das Konfliktverhalten der Eltern hat einen Einfluss auf die Kinder

Als Eltern dürfen wir immer wieder mal prüfen, wie es denn unseren Kindern mit unserem Verhalten als Paar geht. Denn wir sind wichtige Modelle für unsere Kinder. Im besten Fall schauen sie sich wertvolle Strategien zur Konfliktbewältigung von uns ab. Wenn Kinder sehen, wie wir konstruktiv mit eigenem Stress und mit Herausforderungen als Paar umgehen (oder miterleben, wie wir nach und nach immer besser darin werden), kann ihnen dies im Umgang mit anderen Kindern und auch in der eigenen späteren Partnerschaft helfen.

 

Wenn wir dauerhaft viel und heftig streiten, kann dies die Beziehung zu unseren Kindern belasten. Denn Streiten bindet unsere Kapazitäten. Wir sind mit unseren eigenen Gedanken, Gefühlen und vielleicht auch Verletzungen beschäftigt und können uns weniger auf die Kinder einlassen. Wir fragen vielleicht weniger nach, was die Kinder erlebt haben und verlieren den Blick dafür, was sie gerade begeistert oder brauchen.

Das kann für Kinder, je jünger sie sind umso mehr, zum Problem werden, weil sie feinfühlige Erwachsene brauchen.

 

Häufig beschäftigen sich auch die Kinder gedanklich und emotional mit dem Streit der Eltern, den sie miterleben. Insbesondere, wenn Eltern wegen der Kinder streiten.

Studien zeigen, dass Fragen, die die Kinder betreffen, zu den häufigsten Streitthemen von Elternpaaren gehören. Hier sollten wir beachten, dass Kinder Gefühle von Traurigkeit, Angst oder Schuld entwickeln können und bei der Bewältigung großer Gefühle die Unterstützung von uns als Eltern brauchen.

 

Meine Erkenntnisse aus Forschung und Praxis versuche ich stets so zu beschreiben, dass Eltern einerseits (wieder) dahinkommen, Verantwortung für das Klima zu Hause zu übernehmen. Und gleichzeitig ermutige ich Eltern darin, sich von dieser Verantwortung nicht daran hindern zu lassen, sich selbst „Fehler“ auf ihrem Weg zuzugestehen - und das bedeutet eben auch, dass Eltern manchmal streiten, auch wenn sie Konflikte eigentlich in friedvoller Weise miteinander lösen wollen.

 

Als Eltern können wir durch unser Verhalten vor und nach einem Streit die möglichen negativen Konsequenzen für die Kinder abfedern.

Nach einem Streit kann es für Kinder einen Unterschied machen, ob und wie wir mit ihnen über den Streit sprechen.

 

Einigen Mamas und Papas hilft es, wenn sie Geschichten nutzen, um Worte zu finden. Ich habe eine kurze Geschichte entwickelt, die ihr euren Kindern vorlesen oder erzählen könnt. Die Geschichte "Wunderwolken für wichtige Aufgaben" findet ihr auf dieser Seite unten.

 

Weitere Ideen, wie wir hier als Eltern ansetzen können, findet ihr im Handout zu meinem Online-Vortrag „Streit in der Partnerschaft – über einen möglichen Umgang mit den Wellen des Familienlebens“.

 

Wunderwolken für wichtige Aufgaben - Eine Geschichte, die Kindern erklärt, warum Eltern streiten

Die nachfolgende Geschichte könnt ihr nutzen, um mit euren Kindern nach einem Streit darüber zu sprechen, wie ein Streit entstehen kann.

 

Ein Hinweis noch zur Geschichte: Es gibt verschiedene Gründe warum Eltern streiten. In diesem Text geht es um das Phänomen, dass Paare sich manchmal in einem biologischen Modus begegnen, in dem ihr Mittelohr den Frequenzbereich menschlicher Stimme filtert. Dies führt manchmal zu Kummer - gleichzeitig ist es eine bemerkenswerte Fähigkeit unseres Körpers.

 

"Über unseren Köpfen schweben Wunderwolken. Sie sind unsichtbar. Wenn wir sie sehen könnten, dann wären sie vielleicht weiß und flauschig, wie ein Knäuel Baumwollwatte in der Größe unserer Hände. Vielleicht so wie hier auf dem Foto. Vielleicht stellst du dir die Wunderwolken aber auch eher wie die Wolken vor, die du sehen kannst, wenn du in den Himmel schaust.

Manchmal gibt es wichtige Aufgaben zu erledigen, vielleicht sogar mehrere in kurzer Zeit. Und manchmal denken wir Eltern dann, dass es schwer für uns wird, die Aufgaben zu meistern.

Dann eilen die Wunderwolken uns zur Hilfe. Sie setzen sich auf unsere Ohren und sorgen dafür, dass uns nichts und niemand davon abhält, die wichtigen Aufgaben zu erledigen. Denn wir brauchen ja unsere ganze Energie dafür. Und unsere ganze Aufmerksamkeit.

Und wenn die Wunderwolken auf unseren Ohren sitzen, hören wir die Stimmen von anderen Menschen nicht mehr.

 

Nur: es entstehen dann manchmal Missverständnisse. Weil andere Menschen die Wunderwolken nicht sehen können.

Wenn die Wunderwolken zum Beispiel auf Mamas Ohren sitzen und Papa eine Frage stellt, dann antwortet Mama nicht. Und Papa wird sauer, weil er denkt, Mama interessiert sich nicht für seine Fragen.

Oder wenn die Wunderwolken auf Papas Ohren sitzen und Mama gerade bei einer Sache Hilfe braucht, dann hilft Papa nicht. Und Mama wird sauer, weil sie denkt, Papa mag nicht für sie da sein.

Dabei verhindern die Wunderwolken, dass Mama und Papa sich hören können.

Und Mama und Papa reden, meckern oder schreien dann eine ganze Weile miteinander - ohne einander wirklich zu hören. Und so verfangen sie sich manchmal in einem richtig doofen Streit.

 

Zum Glück können Mamas und Papas lernen, zu erkennen, wenn sie selbst und andere Menschen Wunderwolken auf den Ohren haben.

 

Und der tollste Trick ist, wenn Mama und Papa durchatmen und sich umarmen. Dann ziehen Wunderwolken nämlich wieder weg. Und machen Platz fürs Liebhaben."


Nutze in eurem Familienalltag gerne auch die anderen Geschichten meiner Reihe "Kindern unsere Psychologie erklären":

Teil 1 - "Warum weinen wir? - Eine Propellermaschine für unsere Gefühle" (hier findest du die Geschichte)

Teil 2 - "Warum trennen sich Eltern? - Wie Sonne und Mond wieder glücklich wurden" (bisher nur veröffentlich als Beitrag auf Instagram)


Literaturhinweise:

Bodenmann, G. (2003). Die Bedeutung von Stress für die Partnerschaft. In Sozialpsychologie der Partnerschaft (S. 481-504). Springer, Berlin, Heidelberg.

Brisch, K. H. (2010). SAFE: sichere Ausbildung für Eltern; sichere Bindung zwischen Eltern und Kind; für Schwangerschaft und erste Lebensjahre. Klett-Cotta.

Schneewind, K. A. (2010). Familienpsychologie. Kohlhammer Verlag.


Dies ist das Blog des Halthafens.

 

Meine Texte ergeben sich aus der Beschäftigung mit psychologischer und systemischer Literatur und Forschung, meinen Erfahrungen in der Paartherapie mit Eltern in meiner Praxis in Darmstadt und der Paarberatung und Paartherapie online sowie aus meinem Leben als Mama von zwei Kindern. Wenn du über neue Texte informiert werden magst, folge mir gerne auf Instagram oder trage dich gern für meinen Newsletter ein.