Bindung und Partnerschaft - über einen Strauß an Möglichkeiten, um Nähe und Distanz zu gestalten

Im Blumenladen kann man zusehen, wie Florist*innen aus verschiedenen Blumen und Gräsern einen Strauß "zusammenbauen". Das Gesamtbild wird bestimmt von den auffälligen Blumenarten und bei näherem Hinsehen zeigt sich die eigentliche Vielfalt.

Ein Knoten oder eine Schleife an der "Bindestelle" hält das Wesentliche zusammen.

Und "das Zusammenhalten" ist auch die Funktion menschlicher Bindungsprozesse.

 

Unser Bedürfnis nach Nähe

Unser Gehirn wird abhängig von unseren Erfahrungen strukturiert. Verbunden zu sein ist eine Erfahrung, die wir vom ersten Moment unseres Lebens an machen.

Menschen wollen verbunden sein, nicht nur als Kinder und Jugendliche, auch als Erwachsene.

Wir wünschen uns, dass auf dieser Welt jemand für uns ist.

Ein Mensch, der von uns begeistert ist.

Eine Person, die uns hilft, wenn etwas besonders aufregend ist, wenn wir traurig oder ärgerlich sind - oder, wenn die Freude über etwas so groß ist, dass sie geteilt werden möchte.

Diese Erwartung beeinflusst uns ein Leben lang.

Ganz grundlegend auch in der Partnerschaft.

 

Kinder können ohne Schutz, Fürsorge und Zuwendung nicht überleben. Unser Bedürfnis bestimmten Menschen nah zu sein ist für uns so wichtig, dass wir über Mechanismen verfügen, die uns helfen, Nähe herzustellen und zu gestalten. Diese Mechanismen sind unser "Bindungsssystem".

 

Babys weinen, weil sie beruhigt werden wollen von einer vertrauten Person - oder protestieren, wenn die Eltern sich zu weit entfernen;

unsere Kinder werfen sich in unsere Arme, wenn die besten Freund*innen nicht zum Spielen kommen;

wir rufen nach einer frustrierenden Teamsitzung unsere*n Partner*in an;

wir greifen während einer bewegenden Szene in unserem Lieblingsfilm nach seiner oder ihrer Hand -

in all diesen Situationen erleben wir "Bindungssysteme in Aktion".

 

Um mit den Herausforderungen des Lebens zurecht zu kommen, entwickeln wir außerdem unsere Autonomie weiter. Wir streben nach Selbstständigkeit und danach, unsere Eigenheiten entfalten zu können. Die Mechanismen, die uns dabei helfen, gehören ebenfalls zu unserem "Bindungssystem". Unsere Bedürfnisse nach Nähe und nach Autonomie sind untrennbar miteinander verbunden.

 

Bindungsstile und Bindungsfacetten

Als Menschen haben wir die Fähigkeit, verschiedene Ausprägungen eines Merkmals zu entwickeln und zu nutzen. Das ist Teil unserer Anpassungsfähigkeit und gilt auch für unser Bindungssystem. So gibt es unterschiedliche Weisen wie wir mit unserem Bedürfnis nach Bindung umgehen können.

(Sie zeigen sich, wenn wir verschiedene Personen miteinander vergleichen. Und auch, wenn wir uns anschauen, wie sich ein und dieselbe Person in unterschiedlichen Situationen verhält.)

 

Hierbei spielt es eine Rolle, ob wir uns in einer für uns sicheren oder unsicheren Umgebung befinden.

 

Was für uns eine unsichere bzw. sichere Umgebung ist, zeigt uns unser Körper (z.B. durch Stress-Signale).

 

In unsicherer Umgebung stehen uns mehrere Strategien zur Verfügung:

  • Wir sorgen für uns selbst und neigen dazu, auch bei großen Herausforderungen "unser eigenes Ding" zu machen. Wir deaktivieren unser Bedürfnis nach Nähe und wollen niemanden an uns heranlassen. In der Bindungsforschung wird dies als "vermeidend" bezeichnet. Wie ein stacheliger Zweig...
  • Wir bemühen uns mit großer Anstrengung und Ausdauer um Schutz und Nähe. Wir wollen nicht alleine sein und klopfen sozusagen permanent bei anderen Menschen an die Türe. In der Bindungsforschung wird dieses Verhalten als "ängstlich" bezeichnet. Wie eine flauschige Blüte...
  • In sehr (!) unsicherer Umgebung: Wir springen desorganisiert zwischen Annäherung und Rückzug hin und her.  Wie eine Pflanze mit bunter Blüte, die dazu einlädt näher heranzutreten und dann ihre pieksigen Stacheln zeigt...

In sicherer Umgebung ist es uns möglich, Nähe und der Distanz auszubalancieren und flexibel zu nutzen.

Auf der einen Seite können wir die Nähe zu vertrauten Personen suchen und genießen und auf der anderen Seite haben wir die Freiheit mit gutem Gefühl alleine sein zu können. In der Bindungsforschung wird dies als "sicheres Bindungsverhalten" bezeichnet.

 

Je nachdem, welche Erfahrungen wir in "bindungsrelevanten" Situationen in unserem Leben gemacht haben und machen - als Kinder mit den eigenen Eltern, in unseren Partnerschaften, in Freundschaften und je nach dem, wie wir diese verarbeiten (!), bilden wir einen bestimmte "Bindungsstil" aus: eine Neigung zu bestimmten Emotionen und Verhaltensweisen, mit denen wir in unterschiedlichen Situationen immer wieder reagieren.

 

Diese Stile sind wie Schubladen, die helfen können, einzuordnen. Gleichzeitig spreche ich in meiner Arbeit mit Paaren in der Paartherapie und Paarberatung lieber von "Bindungsfacetten". Denn auch, wenn wir einen bestimmten "Bindungsstil" haben, so stehen allen Menschen verschiedene Möglichkeiten im Umgang mit der Nähe zu anderen Menschen zur Verfügung. 

 

Jeder Mensch hat sozusagen seinen eigenen Bindungs-Strauß.

 

Ein Mensch mit größtenteils vermeidenden Tendenzen vermeidet Nähe beispielsweise nicht immer. Man könnte sagen, die Schwelle ist eben eher hoch, bis sie oder er selbst Nähe sucht. Oder bis sie oder er zu dem Schluss kommt, dass die Partnerin oder der Partner jemanden an der eigenen Seite gebrauchen könnte. So oder so brauchen Menschen bestimmte Rahmenbedingungen, um mit dem Vermeiden zu pausieren.

 

Das Streiten um Nähe und Freiraum

Die Paarbindungsforschung zeigt, dass einige Menschen, die sich viel Nähe wünschen, dazu neigen, sich mit einem Menschen zusammenzutun, der wenig Nähe sucht - und umgedreht.

Diese Unterschiede können in Streit zum Ausdruck kommen. Streit um Alltagsthemen, um die es letztlich gar nicht geht. 

Paare entscheiden sich nicht bewusst für Streit - und können oft auch nicht, wenn sie sich "nur mehr anstrengen", einfach aufhören zu streiten. Wenn unser Bindungssystem Gefahr signalisiert, regeln bestimmte Hirnregionen die Dinge für uns. Diese sprechen sich sozusagen nicht mit uns ab, sondern entscheiden autonom, dass jetzt Angreifen oder Davonlaufen das Beste ist.

Gleichzeitig ist es möglich, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen sich die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass wir am Ruder bleiben und nicht "wie fremdgesteuert" von einem Schlamassel ins nächste segeln.

 

Bindungsorientierte Paarberatung und Paartherapie

Es gibt keine Partnerschaft, in der die Partner*innen genau gleich viel Nähe oder Freiraum brauchen.

Was es gibt, sind Möglichkeiten, mit Unterschieden bestmöglich umzugehen. Diese spielen in der Paartherapie immer wieder eine wichtige Rolle.

 

Manche Paare schauen sich in der Paarberatung und Paartherapie den eigenen "Bindungs-Strauß" genauer an. Sie lockern den Knoten, der das Wesentliche zusammenhält. Und ordnen Elemente vielleicht auch neu an.

 

Ja. Manchmal geht es erst einmal darum, herauszufinden was jede*r braucht. Denn niemand kann dauerhaft an seinen Bedürfnissen vorbeileben und damit glücklich sein.

 

Und am Ende gilt das Gleiche wie in der Floristik: Entscheidend ist die richtige Pflege, um lange Freude an einem bunten Strauß zu haben.


Dies ist das Blog des Halthafens.

 

Meine Texte ergeben sich aus der Beschäftigung mit psychologischer und systemischer Literatur und Forschung, meinen Erfahrungen in der Paartherapie mit Eltern in meiner Praxis in Darmstadt und der Paarberatung und Paartherapie online sowie aus meinem Leben als Mama von zwei Kindern. Wenn du über neue Texte informiert werden magst, folge mir gerne auf Instagram oder trage dich gern für meinen Newsletter ein.