Vor, während und nach dem Streit - warum Kommunikationsstrategien alleine nicht helfen, wenn Paare weniger streiten wollen.

Schwierige Phasen gibt es in jeder Partnerschaft.

Manchmal sind solche schwierigen Phasen damit verbunden, dass zwei Menschen unterschiedlicher Meinung sind.

Dass es bestimmte Themen gibt, die wir einfach nicht zur Zufriedenheit aller gelöst kriegen (das sind die "unlösbaren Konflikte", die es in jeder Beziehung gibt).

 

Das ist ganz normal.

 

Hierzu gehört auch, dass wir diskutieren.

Mal leise und unaufgeregt; und auch mal lauter und aufgeregter.

Und dabei vergreifen wir uns gelegentlich auch im Ton. Und in der Wortwahl sowieso. Denn wir können nicht immer wissen, wie etwas, das wir sagen oder tun beim Anderen ankommt.

(Im besten Fall bemerken wir das und können gegensteuern.)

All das ordne ich in einer weit gefassten Definition von "Diskutieren" ein.

Und dieses Diskutieren dürfen die Kinder miterleben.

Sie dürfen erleben: zwei Menschen haben verschiedene Meinungen. In unserer Familie ist es erlaubt eine eigene Meinung zu haben. Und als Familie suchen wir nach Wegen, wie wir damit umgehen können.

Und ja: manchmal lässt sich einfach keine Lösung finden. Das auszuhalten, nennt man fachsprachlich "Ambiguitätsstoleranz".

 

Es gibt Empfehlungen fürs Diskutieren, die sehr sinnvoll sind, weil sie uns dabei helfen, dass wir uns trotz unterschiedlicher Meinungen miteinander wohlfühlen können:

  • einander ausreden lassen
  • einander aufmerksam zuhören
  • Wünsche äußern, statt Vorwürfe zu machen ("Ich-Botschaften" statt "Du-Botschaften")
  • eine ganz bestimmte Situation ansprechen statt zu verallgemeinern
  • in eigenen Worten formulieren, was jeder verstanden hat

Das sind einige Beispiele.

 

Streiten ist etwas anderes als Diskutieren.

Anders als bei einer Diskussion sind wir ganz anders involviert.

Klar, wir dürfen als Eltern unbedingt unsere Gefühle zeigen, genauso wie Kinder auch.

Wenn man jedoch genau hinschaut, dann verwenden wir den Begriff "Streit" für Situationen, in denen wir uns in einer Situation befinden, in der es uns nicht gut geht. Wir wittern Gefahr.

Um uns selbst zu schützen, tun wir diese Dinge: wir greifen einander an, schieben uns die Schuld gegenseitig in die Schuhe, werden unfair und lassen einander am Ende alleine dastehen.

Wir befinden uns nicht mehr in unserem emotionalen Wohlfühl-Wohnzimmer, sondern auf dem Weg in das Dachgeschoss der Wut oder den Keller der Erschöpfung.

Das ist die Metapher, die ich gerne verwende, um den biologischen Zustand zu beschreiben, in dem wir uns beim Streiten befinden.

Und in diesem Zustand ist es rein biologisch schlichtweg nicht möglich, dass wir einander zuhören, die Beweggründe der Partnerin oder des Partners nachvollziehen oder nach fairen Lösungen suchen können.

 

Es ist für uns einfach nicht möglich!

 

Deshalb sind Kommunikationsstrategien eigentlich auch nicht geeignet für Streit-Situationen. Sondern für das VOR und NACH einem Streit.

 

Deshalb macht es meines Erachtens nach so viel Sinn, sauber sortieren:

Das Umsetzen von Kommunikationsstrategien gehört in den Bereich, in dem wir uns wohlfühlen.

Der Bereich, in dem wir sozusagen gemütlich in unserem inneren (biologischen) Wohlfühl-Wohnzimmer sitzen. Auch miteinander als Paar.

 

Wenn wir schon im Streit angekommen sind, dann ist es meist zu spät, um Kommunikationsregeln umzusetzen.

Dann geht es um etwas anderes: Schadensbegrenzung. Und die Frage: wie kommen wir schnellstmöglich raus - aus diesem Modus, der eine Atmosphäre schafft, die auch für die Kinder eine Belastung sein kann.

 

Meines Erachtens nach ist diese Verwechslung - dass wir es mithilfe von Kommunikationstipps schaffen sollten, weniger zu streiten (auch wegen oder vor den Kindern) - ein Grund dafür, warum manche Paare sagen: wir wissen doch eigentlich ganz genau wie wir es machen müssten, aber es gelingt uns einfach nicht.

So erlebe ich das in der Paarberatung und Paartherapie in meiner Praxis.

Und da kann es leicht zu Schuld- und Schamgefühlen kommen, denn es scheint soch so einfach zu sein - nur ein bisschen anders miteinander sprechen.

Nein. Es ist nicht leicht. Zumindest nicht immer.

 

Mein Anliegen ist, euch mit diesem Text hierauf hinzuweisen:

Ja. Es gibt Dinge die der Partnerschaft und den Kindern eher nicht gut tun. Streit zum Beispiel.

Gleichzeitig habt ihr gute Gründe für euer Verhalten.

Und es ist nicht eure Schuld oder eure Unfähigkeit oder etwas in dieser Art, wenn es euch nicht gelingt, Streit-Situationen durch Kommunikationsstrategien aufzulösen.

Und wahrscheinlich braucht es eine Portion Mut und Ausdauer - manchmal auch professionelle Unterstützung (zum Beispiel von Paartherapeut*innen) - um zu lernen, wie die Phasen vor, während und nach einem Streit in der Partnerschaft gestaltet werden könnten.


Dies ist das Blog des Halthafens.

 

Meine Texte ergeben sich aus der Beschäftigung mit psychologischer und systemischer Literatur und Forschung, meinen Erfahrungen in der Paarberatung und Paartherapie mit Eltern in meiner Praxis in Darmstadt und online sowie aus meinem Leben als Mama von zwei Kindern. Wenn du über neue Texte informiert werden magst, folge mir gerne auf Instagram oder trage dich gern für meinen Newsletter ein.