Über unerledigte Aufgaben und magische Stiefel- Der Zeigarnik-Effekt in Partnerschaft und Familie

Der Zeigarnik-Effekt im Paar- und Familienalltag

Im Alltag bin ich hin und wieder auf der Suche nach Dingen, die mir wichtig sind.
Beispielsweise nach dem Schlüssel zur Haustür, meinem Notizbuch oder den Lieblingskuscheltieren der Kinder. So geht es wohl allen Menschen. Dabei beschäftigt uns die Suche nach diesen Dingen häufig solange, bis wir sie gefunden haben.

Der Zeigarnik-Effekt ist ein psychologischer Effekt.

Er beschreibt, dass wir Dinge, die wir nicht abschließen können, bevorzugt erinnern.

Aufgaben gehen uns nicht aus dem Kopf, bevor wir sie abgeschlossen haben.
Bljuma Zeigarnik, die 1901 in Litauen geborenen wurde und Psychologin war, hat dieses Phänomen früh beschrieben und beforscht.
Auch, wenn die Ergebnisse der Forschung zum Zeigarnik-Effekt uneinheitlich sind, kann er für Eltern- und Liebespaare als Interpretationsansatz an verschiedenen Stellen hilfreich sein.

Als Eltern können wir den Zeigarnik-Effekt im Alltag mit unseren Kindern immer wieder beobachten. Beispielsweise reagieren Kinder (je jünger umso stärker) häufig mit Ärger, wenn wir sie in ihrem Spiel unterbrechen und sie das, womit sie sich gerade beschäftigen, nicht abschließen können. Außerdem können Kinder ein- und dieselbe Frage immer wieder stellen, bis sie einen Sachverhalt in stimmiger Weise für sich einordnen konnten. Manchen Eltern hilft es, den Zeigarnik-Effekt zu kennen, weil es damit eher gelingt, den Kindern Zeit zu geben, ihnen beim Finden ihrer Antworten zur Seite zu stehen und Orientierung anzubieten.

In der Partnerschaft zeigt sich der Zeigarnik-Effekt zum Beispiel, wenn Paare Beziehungsverletzungen nicht "reparieren". Der Paarforscher und -therapeut John Gottman (siehe z.B. 2011) hat die Grundaussagen des Zeigarnik-Effekts auf die Partnerschaft übertragen. Als negativ wahrgenommene Interaktionen werden lange erinnert und bei einer Vielzahl an Gelegenheiten hervorgeholt. In der Kommunikation zeigt sich dies, wenn ein*e Partner*in ein Thema immer wieder anspricht und der oder die Andere zunehmend genervt reagiert:
"Warum musst du immer wieder mit dieser alten Geschichte anfangen?"
"Kannst du diese Sache nicht endlich abhaken?"
Wenn ein Paar in der Vergangenheit "festhängt", werden die zugewandten, liebevollen wertschätzenden Reaktionen der Partnerin oder des Partners häufig übersehen und überhört. Und manchmal entsteht eine Dysbalance in den wahrgenommenen angenehmen und unangenehmen Erfahrungen miteinander.

Von der anderen Seite aus betrachtet, möchte ich es so formulieren: der Zeigarnik-Effekt lässt sich vermeiden, wenn Verletzungen (die zum Beispiel im Streit passiert sind), Vertrauensbrüche und Enttäuschungen integriert und damit "abgeschlossen" werden können.  

 

Der Zeigarnik-Effekt in der (Online-) Paartherapie mit Eltern

Eltern (junger) Kinder befinden sich in einer Lebensphase, in der Zeit und Energie besonders kostbare Ressourcen sind - oft entsteht ein Ressourcenmangel.

Es ist ganz normal, dass sich eine Partnerschaft verändert, dadurch dass Paare Eltern werden. Die meisten Paare kümmern sich weniger um die Partnerschaft - auch weniger um Unstimmigkeiten und Unzufriedenheit. Dies kann eine wertvolle Ressource sein, die zeigt, dass Paare die Prioritäten phasenweise verschieben können. Gleichzeitig kehren Paare manchmal nicht mehr dorthin zurück, wo sie sich einst füreinander interessiert haben.

Ich erlebe in meiner paartherapeutischen Arbeit in meiner Praxis, dass auch und gerade Eltern den Wunsch haben, eine tragfähige und lebendige Partnerschaft zu führen.  Sie wird als Kraftquelle empfunden und Kraft braucht es, um den Familienalltag zu meistern.

Außerdem wollen viele Eltern ihren Kindern vorleben, wie ein respektvoller und kreativer Umgang miteinander aussehen könnte. Eltern können hier ihren Gestaltungsspielraum beispielsweise nutzen, indem sie Verantwortung dafür übernehmen, wie sie mit Streitsituationen umgehen. Manche Eltern entwickeln eine "Versöhnungskultur": sie kommen darüber überein, dass sie nach einem Streit aufeinander zugehen wollen und aus Streitsituationen - wenngleich die Streitpunkte inhaltlich vielleicht gar nicht gelöst wurden - eine "abgeschlossene Sache" machen wollen - für sich selbst und auch, damit die Kinder die miterleben Situation loslassen können.

Die nachfolgende kurze Geschichte aus meiner Reihe "Kindern unsere Psychologie erklären" habe ich für Eltern geschrieben, die im Familienalltag Zeigarnik-Effekte vermeiden und mit ihren Kindern dazu ins Gespräch kommen wollen (ich empfehle die Geschichte für ältere Kinder, die mit Metaphern und Analogien etwas anfangen können):

"Runa kann ihre fliegenden Stiefel nicht finden.
Mit ihren fliegenden Stiefeln kann sie zwischen den Jahreszeiten hin- und herfliegen.
Und gerade hatte sie beschlossen, vom frischen Frühling in den warmen Sommer zu fliegen.
Sie sucht hier und dort. Und dort und hier. Und findet die Stiefel nicht. 
Da überreicht ihr die Postbotin einen sonnengoldenen Brief... den sie sogleich wieder vergisst. 
Runa ist beschäftigt.
Auch, dass Feder ihr von der Fensterbank aus ein Lied singt, überhört sie.
Solange bis...
Runa einen Schritt hinaus geht und sich umsieht, die Stiefel auf der Wiese vor dem Haus findet - und in den Sommer fliegen kann.

So wie Runa geht es uns, Mama und Papa*, auch manchmal.
Wenn wir gestritten haben oder als Familie nicht aufeinander Acht gegeben haben, dann suchen wir etwas: die Zauberstiefel, die uns zueinander bringen. Und weißt du was? Vor lauter Suchen übersehen wir die kleinen, feinen Momente, die es augenblicklich schon zu entdecken gäbe.
Wir, Mama und Papa, können selbst dafür sorgen, dass wir unsere Zauberstiefel nicht allzu oft verlegen. Indem wir uns füreinander interessieren, nach einem Streit aufeinander zugehen und schauen, was es braucht, damit es allen Menschen in unserer Familie gutgehen kann. "

 

Der Blick auf die (Beziehungs-) Biografie

Konflikte und Verletzungen sind ein natürlicher Teil naher Beziehungen.

Da brauchen wir uns gar nicht anstrengen: sie lassen sich nicht vermeiden - weil wir Menschen sind.
Was wir tun können, ist, zu schauen, wie wir aus Konflikten und Verletzungen "abgeschlossene Aufgaben" machen können.

 

Der Zeigarnik-Effekt spielt auch in therapeutischen Prozessen eine Rolle - in der Einzeltherapie und in der Paartherapie. Wenn Menschen in ihrer eigenen Biografie oder der gemeinsamen Biografie als Paar "festhängen" und, wenn Verletzungen "offen herumliegen".
Dann kann es hilfreich sein, dass wir Erlebtes bearbeiten, aus verschiedenen Perspektiven betrachten und einordnen, so dass wir uns nicht dauerhaft mit der Vergangenheit beschäftigen MÜSSEN - sondern wahlweise auch in die Zauberstiefel steigen und dorthin fliegen können, wo es uns am besten gefällt.

 

 

* „Mama“ und „Papa“ kann gerne ersetzt werden durch Worte, die für deine Familie „zutrifft“.

 


Literaturhinweise:
Gottman, J. M. (2011). The science of trust: Emotional attunement for couples. WW Norton & Company.
Lompscher, J. (2011). Bljuma Vol’fovna Zejgarnik: Einheit des Psychischen. In Bedeutende Psychologinnen des 20. Jahrhunderts (pp. 207-222). VS Verlag für Sozialwissenschaften.


Nutze in eurem Familienalltag gerne auch die anderen Geschichten meiner Reihe "Kindern unsere Psychologie erklären":

 

Teil 1 - "Warum weinen wir? - Eine Propellermaschine für unsere Gefühle" (hier findest du die Geschichte)

 

Teil 2 - "Warum trennen sich Eltern? - Wie Sonne und Mond wieder glücklich wurden" (bisher nur veröffentlich als Beitrag auf Instagram)

 

Teil 3 - „Wunderwolken für wichtige Aufgaben - Eine Geschichte, die Kindern erklärt, warum Eltern streiten“ (hier geht es zur Geschichte

 

Teil 4 - "Wenn das Seelenauto in die Werkstatt fährt - Eine Geschichte, die Kindern erklärt, warum Mama und Papa zur Psychotherapie gehen" (hier geht es zur Geschichte)


Dies ist das Blog des Halthafens.

 

Meine Texte ergeben sich aus der Beschäftigung mit psychologischer und systemischer Literatur und Forschung, meinen Erfahrungen in der Paartherapie mit Eltern in meiner Praxis in Darmstadt und der Paarberatung und Paartherapie online sowie aus meinem Leben als Mama von zwei Kindern. Wenn du über neue Texte informiert werden magst, folge mir gerne auf Instagram oder trage dich gern für meinen Newsletter ein.