Am Familientisch: Ein Menü an Stärkung fürs Leben.

Beim Frühstück gemeinsam den Tag beginnen. Oder nicht gemeinsam, weil jeder was anderes braucht.

Beim Mittagessen stärken. Für den Teil des Tages, der noch vor uns liegt.

Beim Abendessen den Nachtisch miteinander teilen. Und vielleicht das, was am Tag federleicht war. Oder tonnenschwer.

 

Wenn Eltern ein Menü an Familienleben zusammenstellen:

Anbieten, was guttut. Auf allen Ebenen.

Wissen teilen.

Gelassenheit und Akzeptanz üben, wenn andere Menschen eigenen Entscheidungen treffen.

Dabei unterstützen, die Signale des Körpers einordnen lernen.

Vertrauen. Dass jeder gute Gründe für seine Entscheidungen hat.

Vorbild sein.

Bedürfnisse berücksichtigen. Aller Familienmitglieder. Ideen suchen, wenn es dabei Widersprüche gibt.

Und dabei eine Vielfalt an Gefühlen zu Tische bitten.

Das, was daneben geht, als normalen Teil des Lebens sehen.

 

...Das gemeinsame Essen gehört in den meisten Familien zum Alltag. Von Anfang an. Und unabhängig davon, welche Ernährungsform in einer Familie vorherrscht.

 

Beim Einkaufen. Beim Kochen. Und am Esstisch. Wir Können unsere Kinder teilhaben lassen. Zum Beispiel an dem, was wir über unsere Lebensmittel wissen.

Nicht in erster Linie aus dem Grund, dass die Kinder es sich prompt merken sollen. Und bestimmte Dinge umsetzen. Sondern, weil das dann ein Angebot zum Kontakt sein kann.

"Ja. Wir essen gerade aus dem grünen Ampelbereich. Weil sich dort viele Nährstoffe finden."

Für junge Kinder ist es völlig irrelevant, wo die meisten Nährstoffe drin sind. Für sie ist es relevant, ob sie sich am Familientisch wohlfühlen. Oder auf der Picknickdecke. Ob gemeinsames Essen Spaß macht. Und ob sie selbst entscheiden dürfen, was sie essen.

Die Grundbedürfnisse. Wie immer.

 

Und ältere Kinder fordern manchmal von sich aus ein, etwas über die Dinge zu erfahren. Zu erfahren, warum wir Eltern dieses essen. Und jenes nicht. Warum wir manche Dinge kaufen. Und andere lieber im Laden lassen.

 

Uns Eltern kann Wissen im Bereich der Ernährung in besonderer Weise helfen. Uns Eltern kann Wissen helfen, gelassen zu bleiben. Zum Beispiel, wenn wir wissen, dass es biologische Gründe gibt, wenn Kinder im Alter zwischen drei bis ungefähr sieben Jahren nicht sehr bunt essen. Und insbesondere Gemüse ablehnen. Und dass sich das von alleine wieder verändert.

 

Denn eines sollten wir meines Erachtens nach nicht tun: Kindern ihr wertvolles Gespür für den eigenen Körper absprechen.

Nein. Das ist keine Kleinigkeit. Auch wenn es sich in Mikrosituationen zeigt. Hier einmal überredet noch einen Löffel zu nehmen. Dort einmal davon überzeugt, dass der Bauch doch schon voll ist. Oder dass ein Lebensmittel doch gar nicht lecker schmeckt. Und so weiter.

Ja. In dieser Welt in der wir leben gibt es doofes Zeug. Für das Kindern der eingebaute Abwehrmechanismen fehlt.

Zu süß. Zu fettig. Hoch verarbeitet.

So ist das.

Und auch mit diesem doofen Zeug lässt sich was anfangen. Zum Beispiel können wir als Eltern in Worte fassen, wenn Kinder für sich selber sorgen. Auf einer ganz anderen Ebene als die, die auf den den ersten Blick sichtbar ist.

Wenn sie versuchen, sich in ihr Gleichgewicht zurück zu bringen. Zum Beispiel indem sie zur Süßigkeitenkiste gehen.

Dann können wir als Eltern den inneren Zusammenhang ausdrücken.

Wir können zum Beispiel das frustrierende Erlebnis von gerade eben ansprechen. Und unsere Vermutung, dass jetzt vielleicht die Schokolade helfen soll.

Und: wir können eigene innere Zusammenhänge aussprechen:

"Ich hole mir jetzt einen Schokoriegel. Nein. Hunger hab ich nicht. Das würde ich dann genau hier im Bauch fühlen. Ich brauche gerade Energie. Und zwar schnell."

Es gibt immer einen guten Grund, wenn jemand etwas tut. Das gilt für Kinder. Und für Erwachsene.

 

Beim Einkaufen. Beim Kochen. Und am Esstisch. Geht es auch um sättigungsbezogene Körpersignale.

Wir können unsere Kinder in der Wahrnehmung dieser Körpersignale unterstützen. Indem wir anfangen, über diese Signale bei den Mahlzeiten zu sprechen.

Wir können die Kinder fragen, woran sie merken, wenn sie Hunger haben. Oder satt sind. Oder pappsatt.

Und es lassen sich Experimente dazu anregen: Herausfinden, wie lange es dauert, bis der Magen dem Kopf gesagt hat, dass er voll ist. Je nach Alter und Interessen: Wie viele Bücher lassen sich in der Zwischenzeit anschauen? Wie viele Wörter schreiben? Und so weiter.

 

Beim Einkaufen, beim Kochen und am Esstisch treffen verschiedene Menschen aufeinander.

Mit unterschiedlichen Eigenschaften, Vorlieben, Geschmäckern und Rhythmen.

Und weil das so ist, kann es in Familienküchen und an Familientischen nicht immer gleichförmig glatt und rosig ruhig zugehen. Wenn wir nach Lösungen und Kompromissen suchen, mit denen es allen Familienmitgliedern gut gehen kann.

Stattdessen dürfen wir einer Vielfalt an Gefühlen einen Platz anbieten.

Der Überraschung. Der Freude. Dem Ärger. Oder der Traurigkeit.

 

Und weil wir Menschen sind, erleben Kinder auch hier, dass Dinge schief gehen. Wenn im Supermarkt der Frühstücksaufstrich vergessen wurde. Wenn der Kuchen im Ofen zusammengefallen ist. Oder sich beim Abendessen ein Elternteil im Ton vergriffen hat.

Und wir können zeigen, was ein hilfreicher Umgang damit sein könnte.

Improvisieren. Nochmal probieren. Nachlesen wie es doch noch klappen könnte. Gemeinsam das Malheur beseitigen. Entschuldigen. Und so weiter.

 

Ja. Und wenn all das im Alltag nicht so ganz leicht fällt. Dann ist das normal. Und ein Übungsfeld für Eltern genauso wie für Kinder.

 

... Wenn Eltern mit ihren Kindern ein Menü an Familienleben zaubern, ist das keine Kleinigkeit. Sondern Stärkung fürs ganze Leben.

 

 

Literaturhinweise:

Bergunde, V. (2004). Satte Lebensart. Hungern macht dick und Leben macht satt. Oder: ...wie ich es schaffen kann, meine Kräfte zu nähren und zu einen. Dortmund: Borgmann.

Juul, J. (2017). Essen kommen. Familientisch - Familienglück. Weinheim: Beltz.


Dies ist das Blog des Halthafens.

 

Meine Texte ergeben sich aus der Beschäftigung mit psychologischer und systemischer Literatur und Forschung, meinem Praxisalltag sowie aus den Erfahrungen in meinem Leben.

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