Gerüstbau als Grundlage. Über formale Effekte in der Psychotherapie mit Kindern.

Wenn Psychotherapie eine Art Baustelle ist, auf der Hausbewohner*innen und Handwerker*innen gemeinsam werkeln. Damit sich die Hausbewohner*innen wohl fühlen.

Damit sie es alltagstauglich und gemütlich haben.

Dann ist das, was gerade nicht funktioniert oder baufällig geworden ist der "Inhalt".
Das Gerüst an der Hausfassade ist die "Form".

Das Gerüst steht immer da, egal welche Fachhandwerker*innen gerade mit welchem Werkzeug dran sind.

 

Form-ale Aspekte in der psychotherapeutischen Arbeit mit Kindern wirken mit. Immer.

Unabhängig davon, ob ein Kind wegen Bauchschmerzen am Morgen therapeutisch begleitet wird. Oder wegen seiner Traurigkeit am Abend. Oder seinem Konzentrationstief am Mittag.
Unabhängig davon, nach welchen Verfahren Therapeut*innen ihre Arbeit ausrichten (z.B. tiefenpsychologisch, verhaltenstherapeutisch, systemisch).
Unabhängig davon, was besprochen, bearbeitet und erprobt wird. Oder Gelesen, gehört oder gespielt.

 

Formale Aspekte, so wie ich sie hier verstehe, ergeben sich einfach daraus, dass Therapie Therapie ist.
Daraus, dass sich mindestens zwei anfangs fremde Menschen miteinander vertraut machen.

Und eine zeitlang den Weg miteinander gehen. In eine bestimmte Richtung.

Wobei der eine Mensch Unterstützung wünscht. Und der andere fachlich ausgebildet ist für die Begleitung auf dem Weg.
Dass es feste Termine gibt an einem bestimmten Ort.
Und dass das Ganze inmitten einer Gesellschaft mit bestimmten Bewertungsmaßstäben passiert.

 

Die formalen Aspekte als das äußere Gerüst.
Gerüste können hilfreich sein. Sie können stützen. Und größer machen. Sie können ermöglichen, dass wir irgendwo dran kommen, wofür die Arme und Beine einfach zu kurz wären.

 

Die formalen Aspekte haben Wirkungen.
In der therapeutischen Arbeit mit Kindern kann das zum Beispiel die Botschaft sein, dass alle Menschen - einschließlich man selbst und die eigenen Eltern - an Grenzen stoßen können. Dass das nicht schlimm ist. Weil eine Familie sich Hilfe holen kann.

Und: Dass diese Hilfe von Menschen kommt. Die wie ein Leuchtturm da stehen. In stürmischen Zeiten. Wenn wir festhängen. Und neue Erfahrungen brauchen.
Menschen, die eine zeitlang einen besonderen Platz im Alltag eines Kindes haben. Und über diese Zeit hinaus vielleicht einen besonderen Platz in seinem Leben behalten werden.

 

Und ja. Es gibt die andere Seite:
Wenn das Gerüst nicht stützt.
Manchmal sollen sich Kinder auf wackeligen Gerüsten bewegen. Ohne dort den Halt zu haben, den sie bräuchten.
Und das ist gefährlich. Denn wenn das Gerüst nicht stabil steht, besteht Sturzgefahr. Und dann schmerzt es vielleicht sehr.

 

Eine Wirkung des Drumherums von Psychotherapie mit Kindern kann die Schlussfolgerung sein: "Mit mir stimmt was nicht."

 

Warum?
Dazu braucht es den Blick auf einige formale Dinge:
Die Passung und die Beziehung zwischen Kindern und Therapeut*innen.
Die Diagnosestellung.
Die Therapieziele.
Die Reaktionen des Umfeldes.

 

(Im Folgenden geht es um die Risiken - weniger die Chancen - die in diesen Punkten stecken. Sie sind das Thema meines Textes.)


Wenn ein Kind einen Erwachsenen nicht  mag. Wenn sich keine vertrauensvolle Basis mit den Therapeut*innen entwickelt (aus welchen Gründen auch immer; wenn es so ist, haben Kinder ihre guten Gründe dafür).
Dann erlebt ein Kind eine Dysbalance und schlussfolgert vielleicht: mit mir stimmt was nicht.

 

Für die Therapie über die Krankenkassen braucht es die Diagnostik mit dem Ergebnis einer Diagnose. Hier wird in der Regel von einer 'Störung' gesprochen (ich habe auch an anderer Stelle über Diagnosen geschrieben).
Und wenn nun ungünstig damit umgegangen wird (was in der Praxis vorkommt), dann schlussfolgert das Kind vielleicht: mit mir stimmt was nicht.

 

Die meisten Therapeut*innen arbeiten mit Therapiezielen.
Manchmal sind diese Ziele (auch) Ziele des Kindes. Ziele zu erreichen gelingt nicht immer. Für ein Kind kann das frustrierend sein. Und es schlussfolgert vielleicht: mit mir stimmt was nicht.
Oder aber: Bei den Zielen handelt es sich ausschließlich um Ziele der Erwachsenen.
Ja. Manchmal dient die Therapie der Kinder dazu, Erwachsene glücklich zu machen. Und nicht die Kinder.

 

Auch 2019 leben wir in einer in psychischen Dingen wenig aufgeklärten Gesellschaft.
Wenn Kinder eine Psychotherapie machen, spüren sie das manchmal durch Rückmeldungen aus ihren Kindergruppen. Im Kindergarten. In der Schule. In der Nachbarschaft.
Wenn andere Kinder mit ihnen Sprüche zuwerfen. Oder Ausgrenzung. Oder einfach, weil ein Kind nicht dabei ist, wenn die Anderen am Nachmittag spontan ins Schwimmbad gehen.
Und das Kind schlussfolgert vielleicht: Mit mir stimmt was nicht.

 

Sich nicht ok zu fühlen, ist das Gegenteil dessen, was ein Mensch aus einer Psychotherapie mitnehmen sollte.

 

Kinder sehen die Dinge aus ihrer ganz eigenen Perspektive heraus. Wie wir alle.
Mit dem Unterschied, dass uns entwicklungsbedingt Fähigkeiten zur Verfügung stehen, die uns dabei helfen, Dinge in einen größeren Rahmen einzuordnen und zu relativieren.
Kinder erleben sich als den Mittelpunkt der Welt. Je jünger, umso mehr.

Und nochmal als Jugendliche ausgeprägter (mehr dazu im Fachbuch von Inge Seiffge-Krenke, 2004, S. 126ff.).

 

Die ungünstigen Effekte können auftreten. Sie müssen nicht.
Entscheidend ist:
Wie verarbeitet ein Kind das Angebot Psychotherapie.
Das kommt auf das Kind an.
Und was die beteiligten Erwachsenen mit dem Drumherum machen.

 

Die Schwierigkeiten liegen hier nicht in den genannten Punkten an sich.
Beziehungen lassen sich aufbauen.

Mit Feinfühligkeit. Und Zeit. Wenn es ausschließlich darum gehen darf, eine gute Zeit zusammen zu haben.

Und Diagnosen, dass also Symptome zusammengefasst und genutzt werden, können hilfreich sein.

Genauso wie Ziele.

Sie können uns dabei helfen, uns auf den Weg zu machen. Mit der passenden Ausrüstung.

 

Die Schwierigkeit liegt eher in der Ausgestaltung dieser Dinge.
Was es braucht sind meines Erachtens nach:

 

Zeit, um abzuklären. Was eigentlich los ist. Und was gebraucht wird: Braucht ein Kind einen therapeutischen Raum? Oder vielleicht schwerpunktmäßig doch die Erwachsenen? Oder alle zusammen?

 

Feinfühligkeit für die Bedürfnisse der Kinder.

 

Transparentes Arbeiten. Auch oder gerade mit Kindern. Das richtige Maß finden. Und vor allem: die richtigen Worte.
Und es braucht die Berücksichtigung der Rechte der Kinder.

 

Für alle formuliert:
Die Würde ist unantastbar. (Artikel 1 Grundrechte)
Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. (Artikel 2 Grundrechte)
Und für Kinder formuliert:
Kein Kind darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben ausgesetzt werden. (Artikel 16 Kinderrechte)

 

In medizinethischen Fragen ist der Ansatz von Tom Beauchamp und James Childress (2013) verbreitet.

Er findet auch Anwendung in Bereichen der Psychotherapie. Und umfasst mehrere Prinzipien.
Das Prinzip der Autonomie fordert, dass bei diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen die Wünsche, Ziele und Vorstellungen eines Menschen berücksichtigt werden.
Das Prinzip der Schadensvermeidung fordert, schädliche Eingriffe zu unterlassen.

 

Ja. Klingt gewichtig.

 

Manchmal trauen wir uns nicht hinzuschauen. Da könnte es einem schwindelig werden.

Nur ändert es nichts daran, dass gewisse Dinge da sind.
Und wenn wir hinschauen, können wir Verantwortung übernehmen. Und gestalten.

 

Es gibt meines Erachtens zwei Wege, die fachlich sauber und kindge-recht wären:
1. Es gelingt ein sicheres Gerüst zu bauen.

Im Großen und Ganzen unter Einbezug aller Faktoren. Dann können Kinder von einer Therapie profitieren. Und es gibt wunderbare Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen. Die auf wertvolle Weise mit Kindern arbeiten.
2. Es gelingt nicht ein sicheres Gerüst zu bauen. Dann sollten wir es lassen.
Dann wäre es eine Mogelpackung. Auf der Therapie dran steht. Und keine drin ist.

 

Letzteres bedeutet nicht, dass sich nichts bewegen lässt. Es gibt viele Möglichkeiten Kinder zu unterstützen.

 

Und so oder so dürfen wir Erwachsene an uns selbst arbeiten. Als Eltern. Therapeut*innen. Und in anderen Feldern wie zum Beispiel Schule und Betreuung.
Bevor wir das von den Kindern erwarten.


 

Literaturhinweise:
Beauchamp, T. & Childress, J. (2013). Principles of Biomedical Ethics. Oxford/ New York: Oxford University Press.
Seiffge-Krenke, I. (2004). Psychotherapie und Entwicklungspsychologie. Heidelberg: Springer-Verlag.
Spitzer, C., Richter, R., Löwe, B. & Freyberger, H. (2010). Psychotherapie: Auf dem Prüfstand. Gehirn & Geist, 9/2010, S. 32-37.

Dies ist das Blog des Halthafens.

Meine Texte ergeben sich aus der Beschäftigung mit psychologischer und systemischer Literatur und Forschung, meinem Praxisalltag sowie aus den Erfahrungen in meinem Leben.

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