Fingerspitzen-Diagnostik. Für mehr Feingefühl im Umgang mit Diagnosen. Bei Kindern und Erwachsenen.

 

Zum Handwerkszeug von Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen gehören die ICD (International Classification of Diseases) und psychologische Testdiagnostik.

 

In der ICD steht, welche Krankheiten es gibt und welche Symptome dazugehören.
Ein Kapitel darin beinhaltet "psychische Störungen", wie es dort heißt.

 

Psychologische Testdiagnostik bedeutet, dass Infos zusammengesammelt werden.
Zur Beantwortung einer Frage oder weil eine Entscheidung getroffen werden soll.
Und zwar passiert das systematisch.
Und mithilfe von Tests und Fragebögen.
Für die es vorgegebenene Regeln gibt.
Das sind zum Beispiel Fragebögen zu Symptomen, IQ-Tests oder Konzentrationstests.
Und so weiter.

 

In meiner Arbeit nutze ich die ICD und Tests (für Kinder oder Erwachsenen) und letztlich also Diagnosen
... nur nach sorgfältigem Abwägen.

 

(erwähnt sei an dieser Stelle, dass ich weder in meiner Anstellung noch in meiner Praxis eine Diagnose stellen muss, um arbeiten zu können.)

 

Warum?

 

Hierzu einen Schritt zurück:

 

Wir haben das Gefühl irgendwas stimmt nicht mit uns und möchten wissen, was es ist...
Wir möchten wissen, warum es immer wieder in der Liebesbeziehung schief geht...
Als Eltern wollen wir wissen, warum unser Kind sich auf diese Art und Weise verhält und nicht wie alle anderen...
Lehrkräfte wollen wissen, was mit dem Kind gemacht werden soll, bei dem sie ratlos sind...

 

Manchmal besteht die Idee, dass es hilft, eine Diagnose zu haben. Oder eine Zahl.

 

In der gängigen Praxis passiert manchmal etwas, das ich nicht leiden kann:
es wird wild herumgetestet.
Bei Erwachsenen. Und insbesondere auch bei Kindern.

 

Es wird im Vorfeld nicht ausreichend geprüft:
Wozu dient das Testergebnis?
Wem hilft es?
Und wem vielleicht gerade nicht?
Welche Diagnosen hätten welche Konsequenz?

 

Diese Fragen erstmal gemeinsam zu beantworten hilft.

Hilft Rechte zu wahren.

Für alle formuliert:

Die Würde ist unantastbar. (Artikel 1 Grundrechte)

Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. (Artikel 2 Grundrechte)

Und für Kinder formuliert:

Kein Kind darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben ausgesetzt werden. (Artikel 16 Kinderrechte)

 

Hieraus ergibt sich: Vorsicht mit Schubladen!

Eine Diagnose ist eine Schublade.

Ist diese erstmal geöffnet, purzeln einem Sachen entgegen.

Sachen unterschiedlicher Art. Manches Positive. Manches Negative.

Es kommt drauf an.

 

Wenn wir die Auswirkungen von Diagnosen genauer betrachten (weil es immer einen Effekt hat, wenn Fachkräfte mit Klient*innen über Diagnosen sprechen), dann sollten verschiedene mögliche Effekte berücksichtigt werden.

 

Positive Effekte:
Manchmal helfen uns Diagnosen zu verstehen.
Einzuordnen.
Und dadurch Verständnis zu entwickeln.
Für uns selbst. Und Anderen gegenüber.
Eine Diagnose zu haben kann helfen, sich auf den Weg zu machen.
Weil klar ist, in welche Richtung gegangen werden kann.
Und Diagnosen sind Voraussetzung dafür, dass die Kasse die Psychotherapie bezahlt.

 

Viele Menschen berichten von Anerkennung und Würdigung des Leidensdrucks nachdem die Diagnose da war.
Manchmal braucht es dann wohl aus diesem Grund die Diagnose.
Damit wir uns Auszeiten gönnen.
Eine Therapie gönnen.
Damit wir nachsichtig in der Partnerschaft sein können.
Damit wir unseren Kindern passendere Rahmenbedingungen gönnen.

 

Gleichzeitig versteckt sich hier eine Schwierigkeit:

 

Weshalb reicht es nicht, dass ich sage: mir geht es schlecht - wieso braucht es ein Papier auf dem ein Wort steht?
Weshalb reicht es nicht, dass ich feststelle: diese Bedingungen tun meinem Kind nicht gut - wieso braucht es ein Papier, auf dem ein Wort steht?
Es wäre wünschenswert, dass wir einander auch ohne Diagnosen ernst nehmen.

 

Denn: Diagnosen haben ihren Preis.

 

Negative Effekte:
In einer Schublade festzustecken kann hinderlich dabei sein, sich frei entfalten und gesund (weiter-)entwickeln zu können.
Das gilt für Kinder genauso wie für Erwachsene.

 

Diagnosen werden gerne als "Erkrankungen" verkauft. Gerne als solche, die vererbt werden und lebenslänglich bleiben.
Sie laden dazu ein, dass wir uns unfähig fühlen, verändern zu können, was uns nicht gefällt.
Sie laden dazu ein, die Überzeugung fallen zu lassen, dass wir etwas bewirken können.
Positive Veränderungserwartung und Selbstwirksamkeit sind Voraussetzung dafür, dass wir was hinkriegen.

Zum Beispiel in einer Beratung oder Therapie.

 

In einer Schublade festzustecken kann Beschämung bedeuten.
Ich habe oben genannt, dass die ICD von "Störungen" spricht. Das führt meines Erachtens immer noch zu einem Missverständnis:
Wir denken dann, mit uns ist was falsch.
Das Gegenteil ist der Fall: wir sind goldrichtig - es kann nicht anders sein.
Denn:
Ganz gleich welches Verhalten, es ist für den jeweiligen Menschen sinnvoll. Immer.
Das gilt für dich.
Für deine*n Partner*in.
Für deine Kinder.

 

Zum Beispiel:

 

Du redest gerne um den heißen Brei herum. Sagst selten, was du denkst oder brauchst.
Deine*n Partner*in störts ("ich weiß nicht woran ich bei dir bin") und beklagt wird die "Mauer zwischen euch".

Je mehr etwas von dir eingefordert wird, desto mehr Stress kriegst du.
Du hattest vielleicht Eltern, die deine Sprache schon als Baby nicht verstanden haben. Deine Bedürfnisse wurden beantwortet mit: "nee, kann doch gar nicht sein".
Du wurdest davon überzeugt, dass immer alles schön ist, denn Traurigkeit oder Wut waren nicht erlaubt.
Damit es mit den Eltern eine ganze Kindheit lang klappen konnte, hast du eine Strategie gefunden.

Und irgendwann nicht mehr bemerkt und geäußert, wie's um dich steht.
Erstmal Hut ab dafür!
Damals machte es so viel Sinn.
Nur eben jetzt irgedwie nicht mehr.

 

Und ein anderes Beispiel:

 

Dein Kind hatte durch die Schwangerschaft oder Geburt vielleicht einen schweren Start ins Leben.

Es hatte das große Glück, dass es bei Anspannung in deinen Armen weinen durfte. Du hast es gehalten. Immer.
Ihr habt eine enge Verbindung. Und wenn irgendwas aufregend ist, möchte dein Kind wieder in deinem Arm liegen.
Jetzt ist es ein Jahr, zwei Jahre oder vielleicht drei. Und soll in die Betreuung.
Dein Kind ist aggressiv, wenn du nicht da bist.
Und euch wird gesagt, euer Kind sei auffällig.

 

In beiden Fällen:

Ist doch doof: erst passt man sich an, dann kriegt man eins auf den Deckel dafür!

Oder eine Diagnose.

Ich wünsche mir, dass wir das Thema ganzheitlich betrachten. Mit allem was an Chancen und Risiken drin steckt.

Deshalb von mir dieses Plädoyer für einen feinfühligen Umgang mit Diagnosen.

Hier braucht es Arbeit mit der Fingerspitze!

Solltest du an jemanden geraten sein, der eher mit Brechstange als mit Pinzette arbeitet, erinnere dich daran, dass du nicht deine Diagnose bist.

 


Dies ist das Blog des Halthafens.

Die Ideen für meine Texte ergeben sich aus der Beschäftigung mit psychologischer und systemischer Literatur und Forschung, aktuellen Diskussionen sowie insbesondere auch aus den Erfahrungen in meinem Leben.

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