Auffallend normal - Normalität und Abnormalität in Psychotherpie

Menschen, die Psychotherapie für sich nutzen, werden in Schubladen gesteckt, benachteiligt und diskriminiert.

Das gilt 2019 immer noch und für viele Bereiche.

 

Schauen wir mal:

Was passiert in Psychotherapie (Ähnliches gilt für Paartherapie, Familientherapie und Elternberatung)?

 

Je nach therapeutischer Richtung und je nach persönlichen Eigenschaften der Therapeut*innen passiert mehr oder weniger (Liste unvollständig):

 

Ankommen.

Vielleicht einen Tee trinken.

 

Beziehung eingehen.

(Seit Klaus Grawes Bemühungen wissen wir: Der wichtigste Punkt ist die Beziehung zwischen Therapeut*in und Klient*in.)

 

Sprechen über Vergangenes.

Über Zukünftiges.

Die Gegenwart in den Blick nehmen.

 

Fragen stellen. Fragen hören. Antworten suchen.

Manche Tür öffnen. Andere schließen.

Gesagtes und Gehörtes nachwirken lassen. Fragen und Antworten mit nach Hause nehmen.

Nacharbeiten. Bewusst oder unbewusst.

 

Sich Dinge vornehmen.

Dinge umsetzen.

Ein Experiment wagen.

Dazulernen.

Sich überraschen lassen.

 

Etwas näher herantreten.

Ein Stück zurücktreten.

Um besser sehen zu können.

 

Feststellen: Manches gelingt. Manches noch nicht.

 

Vielleicht weinen.

Vielleicht lachen.

Oder beides.

 

Anziehen.

Sich auf den Weg machen.

Nach Hause.

 

...Dinge, die wir alle manchmal irgendwie irgendwo auf irgendwelche Weise tun.

Ob mit oder ohne Therapie.

So oder so.

Manches ist Teil dessen, was sich ergibt, weil wir leben. Und Leben ist eine Achterbahnfahrt. Manchmal.

Manches ist Teil dessen, was wir hätten lernen können, wenn wir eine bestimmte Art der Begleitung im ersten Teil des Lebens gehabt hätten. Vielleicht.

 

Jetzt jedenfalls fokussiert und konzentriert. Ganz bewusst dazulernen.

 

Ja, manches ist besonders an dem, was in Psychotherapie passiert:

Die Beziehung ist einseitig: Einer spricht ziemlich viel über sich, der andere eher nicht. Einer stellt Fragen, der andere eher nicht. Für einen ist es der Job, für den anderen nicht.

Ein Ungleichgewicht in Beziehungen in Bezug auf bestimmte Punkte gibt es auch in anderen Konstellationen.

Im besten Fall wird damit mit allergrößter Feinfühligkeit umgegangen.

 

Was also ist an Psychotherapie nicht normal?

 

Dass wir nachfragen, ob wir es machen dürfen (bei den Krankenkassen).

Dass dafür irgendwo stehen soll, dass wir gestört sind.

Und, wenn es dann schwarz auf weiß steht, dass uns keiner mehr haben will (Versicherungen zum Beispiel).

Dass es möglich ist, Menschen zu etwas zu zwingen, das sie nicht wollen und es dann Psychotherapie genannt wird (insbesondere, wenn es dabei um Kinder geht).

Dass Angst und Schweigen die Reaktionen sind, wenn Menschen von ihrer Psychotherapie erzählen.

 

Nicht die Sache an sich ist abnormal - im Sinne von ungesund. Sondern das Drumherum.

Lasst uns also die Tatsache, dass Psychotherapie noch keinen Normalitätsstatus hat, nutzen und hinschauen: wo hängt es?

Und lasst uns die Dinge beim Namen nennen: es gibt noch Etliches zu tun. Zu lernen. Auszuprobieren. Für uns alle.

Das muss nicht im Rahmen von Psychotherapie passieren.

Es darf.

Und wenn du dich dafür entscheidest, sollst du dir keine (subtilen) Abwertungen antun müssen.

Und wenn doch, lehne dankend ab.


Danke an "Familie im Fokus", für den wunderbaren Aufruf, Impulse zu diesem Thema zusammenzutragen (#normalizepsychotherapy).


Dies ist das Blog des Halthafens.

Die Ideen für meine Texte ergeben sich aus der Beschäftigung mit psychologischer und systemischer Literatur und Forschung, aktuellen Diskussionen sowie insbesondere auch aus den Erfahrungen in meinem Leben.

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