Gehen und Bleiben. Über die Frage nach Trennung in einer Partnerschaft, wenn Kinder da sind.

Gehen oder bleiben?

 

Wenn ihr den Morgen mit einem Streit beginnt. Und den Abend mit einem Streit beendet.

Wenn es keine gemeinsame Zeit gibt. Weil ihr aufgehört habt, Gemeinsamkeiten zu pflegen.

Wenn etwas zwischen euch steht. Wie eine Mauer. Die verhindert, dass ihr einander sehen könnt.

 

Gehen oder bleiben?

 

Manchmal sind Paare eine ziemlich lange Zeit irgendwo dazwischen.

Beginnend mit der "7-Jahres-Krise". Oder vielleicht schon davor.

Manchmal wollen wir aus einer Sache am liebsten keine Entscheidung machen.

Beide Richtungen offen halten.

Da ist sie: die Angst vor der Verantwortung. In Bezug auf die Konsequenzen.

Insbesondere dann, wenn Kinder da sind.

 

Allerdings: Nicht entscheiden ist auch eine Entscheidung.

Und die Verantwortung haben wir sowieso immer. Jeweils für uns selbst. Und gemeinsam für die Kinder.

 

Manchmal gibt es gute Gründe dafür, dass zwei Menschen sich immer wieder daran erinnern, dass sie das Ganze doch mal zusammen hinkriegen wollten.

Dass sie nicht den Prinzipien der Wegwerfgesellschaft folgen. Und bei den ersten wirklich großen Herausforderungen das Handtuch werfen.

Sondern dranbleiben.

Dass zwei Menschen Verantwortung übernehmen. Für das was gemeinsam begonnen wurde. Und für das, was draus geworden ist.

 

Manchmal ist es hilfreich zu schauen, welche Vorstellungen von Partnerschaft da sind.

Welche Erwartungen. Das sogenannte Vergleichsniveau - das zum Beispiel Manfred Hassebrauck beschreibt (2010, S. 219). Das mitentscheidet, ob wir zufrieden oder unzufrieden mit unserer Partnerschaft sind.

Ja. Hinderlichen Erwartungen dürfen verabschiedet werden.

 

Manchmal ist es hilfreich, die eigenen Schatten und Risse zu kennen. Um zu sehen, welche davon in die Beziehung geschleppt wurden. Und dort nun herumliegen. Den gemeinsamen Alltag erschwerend. Und der Familienleichtigkeit ein Bein stellend.

 

Ja. Es dürfen andere Plätze für den eigenen Ballast gefunden werden.

 

Bleiben. Und Gehen. Gehen lassen: Das, was dich daran hindert die Beziehung zu führen, die du gerne hättest.

 

Manchmal braucht es dafür professionelle Unterstützung.*

 

Das alles erfordert Mut.

Und kostet Zeit. Und Energie.

 

... Und kann unendlich stolz machen.

 

Allerdings: Gerade wenn Kinder da sind, fehlen meistens Zeit und Energie.

Dann macht es vielleicht Sinn, die Beziehung erst einmal ins Eisfach zu legen.

Und nächsten Sommer wieder rauszuholen. In der Zwischenzeit den Schaden an der Beziehung so gering wie möglich zu halten.Und manchmal passiert es sogar: während der Sommer- oder Winterpause haben Zwei eine schöne Zeit zusammen.

 

Und manchmal ist es keine Frage der Jahreszeit.

 

Da passen sie nicht mehr zusammen. Die Bedürfnisse. Die Pläne. Die Sichtweisen. Die Lebenswelten.

Ein Wal kann nicht an Land leben.

Eine Giraffe nicht im Wasser.

Ein Maulwurf nicht auf dem Baum.

Und ein Vogel nicht unter der Erde.

 

So ist das.

 

Verantwortung übernehmen kann auch bedeuten, das zu akzeptieren. Und nach neuen Lösungen zu suchen.

 

Denn: Für die Kinder kann es zur Last werden. Wenn ihr sie zum Grund dafür macht, dass ihr jahrelang zusammenbleibt. Oder Jahrzehnte. Wenn ihr den Kindern die Verantwortung zuschiebt. Für die eigene Aufopferung - Arnold Retzer (2009, S. 267) beschreibt beispielsweise die möglichen Konsequenzen dieser Sorge um die Kinder in gewohnt klaren Worten.

 

Und vorleben wie das mit dem Glücklichsein gehen könnte, lässt sich auch nicht so recht. Wenn ihr chronisch unzufrieden seid.

 

Ja. Kinder wollen mit beiden Elternteilen zusammen sein.

Und insbesondere:

Kinder brauchen Eltern, denen es gut geht.

Kinder brauchen, dass ihre Eltern miteinander klarkommen.

Ein Paket aus allen drei Punkten wäre aus Sicht der Kinder die erstbeste Lösung.

Wenn es bei euch alle drei Punkte nicht in einem Paket gibt, dann braucht es eben die zweitbeste Lösung.

 

Egal wie die zweitbeste Lösung aussieht:

Es ist ein individueller Weg.

 

Es ist keine Schwarz-Weiß-Bild auf allen Ebenen. Wenn ihr euch trennt.

Klarheit und ein eindeutiger Schlussstrich sind oft dringend notwendig.

Auf der Ebene für euch als Paar.

Auf der Ebene für euch als Eltern gilt: Ihr bleibt Mama und Papa für eure gemeinsamen Kinder.

Auch nach einer Trennung können zwei Menschen sich als Eltern wertschätzen.  Auch wenn sie es als Partner*innen nicht mehr tun.

Die Familienforschung zeichnet das Bild vor: Wenn ihr die Beziehungen in eurer Familie auch nach einer Trennung aktiv und kindgerecht gestaltet, ist das einer der wichtigsten Schutzfaktoren für die Kinder.

 

Als Familie eine Lösung finden. Gemischt aus den Farben eurer Bedürfnisse.

Damit es möglich wird, wenn Kinder da sind:

Gehen. Und Bleiben.

 

 

*Es gibt verschiedene Formen von professioneller Unterstützung, die hilfreich sein können. Wenn ihr Kinder habt, habt ihr ein Recht auf Beratung. Insbesondere auch, wenn ihr euch mit der Frage nach einer Trennung beschäftigt. Kostenfrei. Durch eine Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche. Infos finden sich auf der Website der bke.

Paarberatung und -therapie kann hilfreich sein, wenn ihr gemeinsam oder getrennt voneinander an eurer Partnerschaft arbeiten wollt.

Inzwischen gibt es auch einige gute Onlinekurse von gut ausgebildeten und erfahrenen Fachleuten für Paare. Auch diese können ein Anfang sein.

Manchmal kann eine Psychotherapie ein geeigneter Weg sein. Insbesondere, wenn du zum Beispiel bemerkst, dass deine Erfahrungen mit deinen eigenen Eltern, eine schwere Anfangszeit als junge Familie, dein Ärger, deine Ängste oder Stimmungsschwankungen eure Partnerschaft stark belasten.

 

Literaturhinweise:

Manfred Hassebrauck (2010). Alles über die Liebe: Warum wir lieben, wen wir lieben, wie wir die Liebe erhalten. München: Mvg-Verlag.

Arnold Retzer (2009). Lob der Vernunftehe. Eine Streitschrift für mehr Realismus in der Liebe. Frankfurt am Main: Fischer-Verlag.

 

 


Dies ist das Blog des Halthafens.

 

Die Ideen für meine Texte ergeben sich aus der Beschäftigung mit psychologischer und systemischer Literatur und Forschung, aktuellen Diskussionen sowie insbesondere auch aus den Erfahrungen in meinem Leben.

Wenn du über neue Texte informiert werden magst, folge mir auf Instagram.