Trennungsangst bei Kindern - über einen Zauberbeutel, der Kindern helfen kann, mit Trennungen zurecht zu kommen

„Trennung“ ist ein existentielles Thema, das uns alle in verschiedenen Facetten betrifft - und ein Kernthema in meiner paar- und familientherapeutischen Arbeit. In der (Online-) Paarberatung und Paartherapie geht es manchmal um Trennungen, die von Partner*innen innerlich oder äußerlich vollzogen wurden (auch im Sinne von Verletzungen, die Distanz schaffen können) und darum, wie Paare einen Umgang mit ihnen finden können.

Da ich mit Eltern arbeite, geht es auch um den Trennungsschmerz von Kindern. In diesem Artikel fasse ich einige Gedanken zu diesem Thema zusammen.

 

Trennungsschmerz bei Kindern

Situationen, in denen wir Trennungsschmerz unserer Kinder miterleben, können für uns als Eltern mit einer bunten Palette an Gefühlen verbunden sein: mit Verunsicherung, mit Traurigkeit oder Ärger - und manchmal sind wir einfach angestrengt, weil wir müde sind und keine Ideen mehr haben, was helfen könnte. Bei manchen Kindern kommt der Trennungsschmerz am Morgen, wenn die Eltern zur Arbeit gehen wollen und den Kindern der Abschied im Kindergarten oder bei den Großeltern Kummer macht. Manchen Kindern fällt der Abschied von ihren Kindergarten- oder Schulfreund*innen am Nachmittag schwer, wenn sie mit ihnen gerade noch die Welt auf den Kopf gestellt haben. Manchmal kommt der Kummer am Abend, wenn ein Elternteil zum Sport gehen möchte. Kinder, deren Eltern sich als Liebespaar getrennt haben, vermissen manchmal den Elternteil, der gerade nicht da ist.

 

Der Trennungsschmerz der Kinder berührt auch die Eltern – schließlich kennen wir dieses Gefühl, es tangiert unser Bedürfnis nach Bindung. Da geht es mir als Mama von zwei Kindern genauso wie allen anderen Eltern auf dieser Welt. Viele Eltern fragen sich, wie sie ihren Kindern dabei helfen können, Trennungen zu bewältigen. Diese Frage beschäftigt auch die Elternpaare, mit denen ich in meiner Praxis für Paar- und Familientherapie in Darmstadt und online arbeite, immer wieder.

 

Mir ist hierbei zunächst einmal immer wichtig, einen neugierigen und wertschätzenden Blick auf unser Bindungsbedürfnis zu werfen.

 

Warum schmerzen Trennungen so sehr?

Eines unserer wertvollsten Merkmale, das uns als Menschen ausmacht, ist, dass wir vertrauten Menschen nah sein wollen. Entwicklungspsychologisch-fachsprachlich heißt dieses Bedürfnis das „Bindungsbedürfnis“.

 

Unser Bindungsbedürfnis dient zunächst einmal dem Schutz. Kinder sind auf Schutz, Pflege, Fürsorge und Zuwendung von Erwachsenen angewiesen. Sie signalisieren auf unterschiedliche Weisen, wenn sie irgendeine eine Form von Hilfe und Zuwendung von ihren Eltern oder anderen Bezugspersonen brauchen. Fachleute sprechen dann von einem „aktivierten Bindungssystem“. Es sorgt dafür, dass die Bedürfnisse von Kindern erfüllt werden – was für Kinder besonders wichtig ist, wenn sie selbst noch nicht fähig dazu sind. Wenn Erwachsene häufig und in feinfühliger Weise auf ein Kind reagieren, fühlt sich ein Kind bei diesem Menschen wohl und sicher.

 

Wenn wir uns diesen Aspekt bewusstmachen, ist wunderbar nachvollziehbar, dass unser Bindungsbedürfnis „auf die Barrikaden“ gehen kann, wenn sich ein Mensch, der uns wichtig ist, entfernt.

 

Insbesondere Kinder reagieren auf Trennungen, mit denen sie nicht einverstanden sind, häufig unmittelbar und intensiv. Es ist normal, dass Kinder mit all den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln (das kann weinen oder anklammern sein oder auch schreien und toben) deutlich machen, dass sie nicht einverstanden sind. Die Trennung von einer Bezugsperson erhöht schließlich die Wahrscheinlichkeit, dass sie mit einer Herausforderung, einer Sorge oder einem Problem, das sie vielleicht noch nicht alleine lösen können, alleine dastehen könnten. Doch nicht nur die Kinder erleben, wie es sich anfühlen kann, wenn unser Bindungsbedürfnis protestiert. Auch wir Erwachsene kennen das Gefühl, einen anderen Menschen zu vermissen. Das Vermissen ist manchmal mit Ärger oder Wut verbunden, manchmal mit Traurigkeit.

 

Reaktionen auf Trennungen von vertrauten Menschen sind wichtig, wertvoll und normal (wenngleich Kinder manchmal unsere Hilfe dabei brauchen, ihren Ärger auf eine Weise auszudrücken, die andere Menschen nicht verletzte, aber das ist noch einmal ein anderes Thema).

 

Kein Platz für Trennungsangst und Trennungsschmerz bei Kindern? Der Blick auf individuelle Unterschiede

Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir unser Bedürfnis, anderen Menschen nah zu sein, insbesondere das Bindungsbedürfnis der Kinder, noch immer vielerorts mit Füßen treten.

 

Menschen unterscheiden sich darin, wie viel Nähe sie zu vertrauten Menschen brauchen und auch in welcher Form. Und so gibt es Kinder und Erwachsene, die mehr Nähe brauchen als andere. Aus evolutionsbiologischer Sicht machen Unterschiede Sinn. Eine Gruppe hat bessere Überlebenschancen, wenn wir nicht alle gleich sind. Es braucht Menschen, die die Gruppe zusammenhalten. Und genauso braucht es Menschen, die einen größeres Bedürfnis nach Freiraum haben und sich mutig in Abenteuer stürzen. Als Menschen bringen wir Unterschiede in unserem Temperament mit und hinzukommt, dass jeder Mensch einen individuellen Pool an Erfahrungen hat.

 

Diese Unterschiede zeigen sich in verschiedenen Lebensbereichen von Familien. In den Kindergärten beispielsweise: es gibt Kinder, die mit knapp drei Jahren gut damit klarkommen, wenn Mama und Papa sich verabschieden und die zum Abschied freudig winken. Und es gibt Kinder, die auch noch mit 6 oder 7 Jahren morgens eine Brücke zu einer anderen Bezugsperson brauchen (auch in der Schule), damit sie sicher in den Tag außer Haus starten können. Auch in andere Bereichen (wie beispielsweise beim Einschlafen am Abend, beim Übernachten bei Oma und Opa, auf Klassenfahrten usw.), gehen Kinder unterschiedlich mit Trennungen um.

 

Wir tun ja gerne so, als müssten alle Menschen gleich sein. Als wäre es „unnormal“ oder „gestört“, wenn ein Mensch mehr Sicherheit braucht als ein anderer Mensch. Das ist aus meiner Sicht ungünstig, weil Kinder und Eltern in der Folge manchmal die Überzeugung entwickeln, dass mit ihnen ganz grundsätzlich etwas falsch sei.

 

Wenn Kinder Trennungsschmerz erleben, werden manchmal allzu voreilig Rückschlüsse auf die „Fehltritte“ der Eltern gesucht. Die Eltern könnten nicht loslassen, seien selber schuld, weil sie die Kinder jahrelang „verwöhnt“ haben. Diese Rückschlüsse übersehen die Tatsache, dass jeweils eine Vielzahl von Faktoren Erleben und Verhalten eines Menschen beeinflussen. Außerdem spiegeln diese Rückschlüsse eine Haltung wieder, mit der zumindest ich anderen Menschen nicht begegnen möchte: eine Haltung, die geprägt ist von der Suche nach Schuld.

 

 

Was kann Kindern helfen, mit Trennungsschmerz zurechtkommen?

Eltern haben einen Gestaltungsspielraum: Wir können prüfen, wie wir die Kinder stärken und unterstützen können. Kinder brauchen Brücken in die Umgebung, die sie ohne die Eltern betreten. Zunächst einmal geht es darum zu schauen, ob die Kinder eine ausreichend tragfähige Beziehung zu den Bezugspersonen haben, die nach dem Verabschieden für sie zuständig sind (das gilt auch für Großeltern und anderen Familienmitglieder). Auf einer solchen Beziehung sollte unser Fokus liegen und sie entsteht, wenn Kinder die Erfahrung machen, dass sie mit einem Menschen eine gute Zeit haben und sich auf ihn verlassen können, wenn Herausforderungen auftauchen.

 

Manche Kinder haben außerdem gerne einen vertrauten Gegenstand bei sich. Diese Dinge können Halt geben und das unsichtbare Band symbolisieren, dass auch nach einem Abschied zwischen Eltern und ihren Kindern besteht. In der Tiefenpsychologie werden diese "Übergangsobjekte" genannt.

Beispiele sind:

  • Ein Tuch, das nach Mama oder Papa riecht
  • Das Lieblingskuscheltier
  • Ein Zettel mit der Telefonnummer der Eltern
  • Ein Tropfen Orangenöl, das sich die Eltern und die Kinder auf den Handrücken geben
  • Eine kleine Botschaft in der Brotdose

Hier dürfen Familien unterschiedliche Dinge ausprobieren, verwerfen, was nicht passt und beibehalten, was hilft. Häufig braucht es etwas Zeit, den eigenen Weg zu finden.

 

Psychologische Kinderbücher, die Trost bei Trennungsschmerz spenden können

In meiner (Online-) Praxis für Paare und in meinem eigenen Alltag als Mama spreche ich gerne über unser Bindungsbedürfnis und darüber, was passieren kann, wenn „es“ traurig oder wütend ist, weil jemand fehlt. Es gibt eine Reihe von Kinder- und Fachbüchern, die die Themen „Trennungen“, „Trauer“ oder die Traurigkeit als Emotion aufgreifen.

 

Ein psychologisches Kinderbuch, dass Trennungserfahrungen und die damit verbundene Traurigkeit mit dem Bindungsbedürfnis verknüpft, habe ich in Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Mabuse-Verlag und der Illustratorin Marlene Monzel entwickelt: „Ela, Elmo und die Zaubermomente“. Kindern und Erwachsenen kann es helfen, zu sehen, dass es ganz normal ist, aufgeregt oder traurig zu sein, wenn ein Lieblingsmensch sich verabschiedet. Ela und Elmo vermitteln die Botschaft: „Du bist nicht allein!“ und sie zeigen, wie ein möglicher Umgang mit der Traurigkeit aussehen könnte.

 

Und letztlich aber nicht weniger wichtig: Ela und Elmo laden zu gemütlichen Momenten auf Sofas, Matratzen und in Lesehöhlen ein, in denen Erwachsene und Kinder gemeinsam Zeit verbringen. Denn, wenn bindungsrelevante Momente entstehen, Können Kinder ihren "inneren Beutel von Zaubermomenten" füllen. Wenn dieser Beutel gut gefüllt ist, profitieren sie in vielen verschiedenen Bereichen ihres Lebens davon.

 


Aktuell erschienen: "Ela, Elmo und die Zaubermomente" kann über den Mabuse-Verlag bestellt werden oder überall, wo es Bücher gibt.

 

Ela, Elmo und die Zaubermomente

Ein Kinderfachbuch über Bindung

Julia Schneider / Marlene Monzel

 

Ela hat einen Freund, der ihr dabei hilft, jeden Tag Zaubermomente zu sammeln: Elmo. Elmo ist ihr Bindungsbedürfnis und sorgt dafür, dass Ela nicht zu lange allein ist. Doch manchmal haben die Menschen, die Ela lieb hat, keine Zeit für sie, verhalten sich unfair – oder gehen sogar weg. Elmo wird dann sauer oder traurig. Für Ela ist es manchmal ganz schön schwer, mit Elmos großen Emotionen zurechtzukommen …
Ela und Elmo zeigen, dass das Zusammenleben mit anderen Menschen zauberhaft-schön sein kann. Doch auch, dass große Gefühle dazugehören, die wehtun können. An die Geschichte schließt ein Mitmach-Teil für Kinder an. Ein Fachteil für Erwachsene vermittelt außerdem Hintergrundwissen und gibt Anregungen, wie die Großen unterstützen können, wenn Kinder von Lieblingsmenschen verletzt oder verlassen wurden. Ein Buch über Bindung für alle kleinen und großen Leute, die manchmal jemanden vermissen. Für Kinder ab 4 Jahren.


Dies ist das Blog des Halthafens.

 

Meine Texte ergeben sich aus der Beschäftigung mit psychologischer und systemischer Literatur und Forschung, meinen Erfahrungen in der Paartherapie mit Eltern in meiner Praxis in Darmstadt und der Paarberatung und Paartherapie online sowie aus meinem Leben als Mama von zwei Kindern. Aus meiner Arbeit heraus entwickele ich außerdem psychologische Kinderbücher. Wenn du über neue Texte informiert werden magst, folge mir gerne auf Instagram oder trage dich gern für meinen Newsletter ein.