Wenn jemand fehlt, den wir lieben: Trennungsschmerz und Verlust
Wir können erstaunlich viel aushalten. Aber wenn ein Mensch fehlt, der uns wichtig ist, kann plötzlich alles ins Wanken geraten. Das gilt für unsere Kinder genauso wie für uns Eltern.
Als Eltern begegnen uns Trennung und Verlust auf ganz unterschiedliche Weise. Auch die Eltern, die ich in meiner Praxis für Paartherapie begleite, kennen solche Erfahrungen. Manche Trennungen sind natürlicher Teil des Lebens. Andere treffen uns unerwartet und viel zu früh. Und manchmal sind es gerade die kleinen, alltäglichen Abschiede, die sehr berühren können:
- Der Tod von Groß-Elternteilen oder andere Bezugspersonen ist ein normaler und gleichzeitig häufig trauriger Teil des Lebens.
- Wenn bei der Geburt oder in den ersten Tagen danach nicht alles wie erhofft verläuft, erleben Familien im Krankenhaus manchmal Trennungen, mit denen niemand gerechnet hat. Manche Eltern trauern eine lange Zeit um einen zarten Beginn, den es vielleicht nicht gab, wenn die erste Zeit von Sorgen und Trennungen geprägt war.
- Eltern mit festen Arbeitszeiten, Schichtdiensten und Bereitschaftszeiten können manchmal nicht bei den Kindern sein, wenn diese sie brauchen (eine berufliche Situation lässt sich ändern, aber nicht unbedingt von heute auf morgen).
- Für manche Kinder ist der Start in der Kita, im Kindergarten – oder auch in der Schule – schwieriger als gedacht und sie vermissen ihr Zuhause.
- Eltern und Geschwister von Sternenkindern müssen sich von einem Menschen verabschieden, bevor sie einander „richtig“ kennenlernen konnten.
- Vielen jungen Elternpaaren, die sich als Liebespaar trennen, gelingt es, die Kinder im Blick zu behalten und neue Modelle des Familienlebens zu entwickeln, in denen es den Kindern gut gehen kann. Gleichzeitig vermissen die Kinder manchmal den Elternteil, bei dem sie nicht sein können.
Das Vermissen – ein zutiefst menschliches Gefühl
Erfahrungen wie diese sind für uns bzw. unsere Kinder häufig mit dem Gefühl verbunden, einen Menschen zu vermissen. Gefühle des Vermissens sind zutiefst menschlich.
Ich wähle diese Formulierung ganz bewusst, weil sie für mich einige wichtige Aspekte zum Ausdruck bringt:
Jeder Mensch macht früher oder später in seinem Leben die Erfahrung, von einem vertrauten Menschen (für kurze oder lange Zeit) getrennt zu sein. Es geht meines Erachtens nach nicht darum, uns oder unseren Kindern Trennungen und Verluste zu ersparen. Vielmehr geht es darum, wie wir selbst mit solchen Erfahrungen umgehen können und wie wir unsere Kinder dabei begleiten, wenn ein geliebter Mensch fehlt.
Denn die Gefühle, die mit Trennungserfahrungen verbunden sind, können intensiv und vielgestaltig sein.
Emotionalen Reaktionen auf Trennung von einer Bezugsperson können beispielsweise Wut, Verzweiflung und Traurigkeit umfassen – und manchmal alles gleichzeitig. Es verlangt uns einiges ab, starke Gefühle wie diese zu regulieren und insbesondere Kinder brauchen hierbei die Unterstützung von ihren Eltern oder anderen für sie wichtigen Menschen.
Und gleichzeitig erzählt uns das Vermissen etwas Wichtiges über uns: Wir vermissen, weil uns ein Mensch wichtig ist. Weil wir mit ihm verbunden sind.
Jeder Mensch braucht Nähe zu vertrauten Menschen – und diese Nähe zu unseren Lieblingsmenschen können wir gestalten. Hierfür steht uns eine Vielzahl komplexer Fähigkeiten zur Verfügung, wie beispielsweise unsere Fähigkeit Konnotationen der menschlichen Stimme und Mimik interpretieren zu können, unser Impuls, in kniffligen Situationen Schutz in der Familie oder bei Freund*innen zu suchen und auf emotionaler Ebene beispielsweise unsere Fähigkeit, Schuld empfinden zu können, wenn wir einen anderen Menschen verletzt haben. Wir können Humor, Gespräche, Körperkontakt, Musik und Bewegung nutzen, um Beziehungen zu gestalten.
Zu unseren bindungsbezogenen Kompetenzen gehört auch unsere Fähigkeit zum Protest: wir können „auf die Barrikaden gehen“, wenn wir nicht damit einverstanden sind, dass ein Mensch (innerlich oder äußerlich) geht.
Kinder bringen ihren Protest häufig durch Weinen zum Ausdruck. Gerade in Situationen, in denen sie Halt brauchen, kann es vorkommen, dass sie toben und schreien. Auch für uns Erwachsene kann es schmerzhaft sein, wenn ein Lieblingsmensch eine Zeitlang oder auf Dauer „fehlt“ – wir bringen dies aber auf andere Weise zum Ausdruck. Beispielsweise suchen wir, wenn möglich, das Gespräch mit einem Menschen oder schreiben der Person, die wir vermissen Nachrichten oder Briefe. Nicht alles Formen des Protests führen dazu, dass Nähe geschaffen wird. So reagieren manche Partner*innen mit „beleidigtem Schweigen“ oder mit Drohungen („Dann packe ich jetzt meine Koffer und gehe!“), wenn ihr Bindungsbedürfnis nicht mit dem Verhalten des Partners oder der Partnerin einverstanden ist. Manche Ausdrucksformen können die Distanz vergrößern – wenngleich wir doch zum Ausdruck bringen wollen: „Du bist mir wichtig! Du fehlst mir!“
Eine haltgebende Beziehung bedeutet immer auch ein emotionales Risiko.
Je näher wir einem Menschen sind, desto eher erwarten wir Schutz und Halt durch ihn – und desto mehr verletzt es uns, wenn wir diese nicht bekommen.
Dieses Risiko zu vermeiden, würde bedeuten, keine Beziehungen einzugehen – was für uns als soziale Wesen weder möglich ist noch zu einem lebendigen, erfüllten Leben beiträgt. Deutlich wird dies, wenn wir auf die Situation der Kinder blicken: Kinder sind emotional, fürsorglich und wirtschaftlich abhängig von ihren Bezugspersonen. Sie können nicht entscheiden: „Ich mache jetzt mein eigenes Ding“, stattdessen müssen sie einen Weg finden, mit den „Bindungsrisiken“ umzugehen. Auch für uns Erwachsene geht der Weg, lebendige, erfüllende Liebe zu erfahren, damit einher, zu akzeptieren, dass Liebe auch Schmerz bedeuten kann. Und, dass wir manchmal keine Kontrolle darüber haben.
Wir können unseren Kindern nicht ersparen, jemanden zu vermissen. Aber wir können ihnen zeigen, dass Vermissen ein Teil von Liebe sein darf.
Und auch Eltern vermissen einander
Auch in Liebesbeziehungen geht es um Bindung. Um die Sehnsucht nach einem Menschen, der einem wichtig ist. Und um die Frage, wie zwei Beziehungspersonen immer wieder zueinanderfinden können.
Vermissen ist nicht nur ein Gefühl von Kindern. Auch Erwachsene kennen es und gerade in Liebesbeziehungen.
Eltern vermissen manchmal ihre Partnerin oder ihren Partner, obwohl sie jeden Tag nebeneinander leben. Sie vermissen die Nähe, die Leichtigkeit, das gemeinsame Lachen oder das Gefühl, als Paar wirklich miteinander verbunden zu sein.
Gerade wenn das Leben viel von einer Familie verlangt, kann diese Verbindung in den Hintergrund geraten. Jeder versucht, seinen Teil zu tragen, und irgendwann merken beide vielleicht: Wir sind noch da. Aber wir finden einander nicht mehr so wie früher. Das anzuerkennen, kann ein erster wichtiger Schritt sein, um wieder zueinanderzufinden.

Trennungsschmerz überwinden? Meine Perspektive in der Paartherapie mit Eltern
Als Paar- und Familientherapeutin berührt mich unsere Sehnsucht nach Verbindung und die Gefühle, die damit verbunden sind, immer wieder. Ich sehe – und das tun meine Klient*innen manchmal zunächst nicht –, dass Kinder und Eltern mit ihren Fragen und ihrem Kummer ganz und gar nicht allein sind. Ihre Themen betreffen uns alle. Nur sprechen wir eben selten beim Bäcker, mit der Nachbarin, manchmal auch nicht mit der besten Freundin oder dem besten Freund darüber – aber durchaus in der Therapie.
Um einen Ausdruck dafür zu finden, dass wir mit bindungsbezogenen Herausforderungen nicht alleine sind, habe ich nach einem langen Praxistag im Januar 2020 einen Text geschrieben. Er trug den vorläufigen Titel „Etwas fehlt“.
Es fällt uns manchmal schwer, auf etwas zu vertrauen, das wir nicht im engeren Sinne sehen oder anfassen können.
Manche Gefühle kehren wir lieber unter den Teppich, als sie zu spüren. Für unsere Kompetenzen suchen wir nach messbaren Beweisen, wie zum Beispiel Noten, dafür, dass sie da sind. Und so übersehen und übergehen wir manchmal auch eines unserer wichtigsten Bedürfnisse: unser Bedürfnis nach Bindung.
Dieses Bedürfnis, das wir hier vielerorts noch immer mit Füßen treten, wollte ich sichtbar machen. Ich wollte auch davon erzählen, dass im Leben eben nicht „alles bald wieder gut ist“. Manchmal bleibt ein Rest Traurigkeit. Vielleicht sogar ein Leben lang.
Und vielleicht liegt genau darin eine der schwierigsten Aufgaben des Lebens: nicht darauf zu warten, dass der Schmerz verschwindet, sondern zu lernen, mit ihm zu leben.
Ein psychologisches Kinderbuch über Bindung
In der Zeit des Schreibens, kreuzte dann die wunderbare Künstlerin Marlene Monzel meinen Weg. Sie hat meinen Text in Bilder übersetzt. Und schließlich war es der Frankfurter Mabuse-Verlag, der meinen Fokus konsequent von den Eltern- und Liebespaaren zurück zu den Kindern verschoben hat. Kinder sind, wie ich oben beschrieben habe, durch ihre Abhängigkeit von uns Erwachsenen besonders verletzlich. Ja, es geht darum, die Kinder immer wieder in den Blick zu nehmen und ihnen mit Feinfühligkeit und voller Würde zu begegnen, wenn sie einen Menschen vermissen.
Und so ist das Kinderbuch Ela, Elmo und die Zaubermomente entstanden – mit einer Geschichte und einem „Mitmach-Teil“ für Kinder sowie einem Fachteil für Erwachsene.
Die Botschaft lautet: Bindung und Vermissen sind zwei Seiten einer Medaille. Wir können einen Menschen nur vermissen, wenn wir ihn in unserem Herzen tragen. Und wir müssen mit dem Vermissen nicht alleine bleiben.
Daran möchten wir alle Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen erinnern, die manchmal jemanden vermissen.
Und wir möchten an etwas erinnern, das uns dabei helfen kann, die Herausforderungen des Lebens zu bewältigen: mit vertrauten Menschen Momente zu sammeln, die wir in unser Herz schließen. Zaubermomente.

Ela, Elmo und die Zaubermomente – Ein Kinderfachbuch über Bindung
(Illustrationen Marlene Monzel, Verlag: Mabuse)
Ela hat einen Freund, der ihr dabei hilft, jeden Tag Zaubermomente zu sammeln: Elmo. Elmo ist ihr Bindungsbedürfnis und sorgt dafür, dass Ela nicht zu lange allein ist. Doch manchmal haben die Menschen, die Ela lieb hat, keine Zeit für sie, verhalten sich unfair – oder gehen sogar weg. Elmo wird dann sauer oder traurig. Für Ela ist es manchmal ganz schön schwer, mit Elmos großen Emotionen zurechtzukommen …
Ela und Elmo zeigen, dass das Zusammenleben mit anderen Menschen zauberhaft-schön sein kann. Doch auch, dass große Gefühle dazugehören, die wehtun können. An die Geschichte schließt ein Mitmach-Teil für Kinder an. Ein Fachteil für Erwachsene vermittelt außerdem Hintergrundwissen und gibt Anregungen, wie die Großen unterstützen können, wenn Kinder von Lieblingsmenschen verletzt oder verlassen wurden. Ein Buch über Bindung für alle kleinen und großen Leute, die manchmal jemanden vermissen. Für Kinder ab 4 Jahren.
Erhältlich: „Ela, Elmo und die Zaubermomente“ kann über den Mabuse-Verlag bestellt werden oder überall, wo es Bücher gibt.

