Emotionale Antioxidantien. Was innere Reife mit Erdbeeren zu tun hat.

 

Im Sommer fahren wir gerne zu den Erdbeerfeldern.

Wenn Erdbeeren reif sind, enthalten sie Antioxidantien: Stoffe, die freie Radikale abfangen.

Stoffe, die dabei helfen, unsere Körperzellen vor oxidativem Stress zu schützen.

 

"Reife" verwenden wir als Begriff auch bei uns Menschen.

Wenn wir von "innerer Reife" oder "emotionaler Reife" sprechen.

Zum Beispiel.

Damit meinen wir, dass ein Mensch sich von Herausforderungen nicht aus dem Gleichgewicht bringen lässt.

Nicht aus einer Momentaufnahme heraus alles über Bord wirft.

Andere Menschen abwertet. Oder auf andere Weise verletzt.

Sondern:

Wenn ein Mensch bei Herausforderungen die Orientierung behält.

Am wohlwollenden Umgang festhält.

Mit seinen Mitmenschen.

Und mit sich selbst.

 

Wenn genug emotionale Antioxidantien da sind. Die vor Stress schützen.

 

Reife ist nach meinem Verständnis nicht in erster Linie eine Frage des Alters.

Ja. Je älter wir werden, desto mehr konnten wir üben. Und Erfahrungen sammeln.

Was Reife begünstigen kann.

Und gleichzeitig gibt es die grauhaarige Person im Haus nebenan, die für eine Vielzahl eigener Angelegenheiten anderen

Menschen die Verantwortung zuschiebt.

Oder andersherum:

Es gibt den jungen Menschen im Familienkreis, der die Einladung ablehnt, in einen Streit miteinzusteigen. Und dennoch klar bei seinem Standpunkt bleibt. 

Manchmal gibt es eine Kluft zwischen biologischem Alter und innerer Reife.

 

Reife ist kein eindimensionales Konstrukt.

Sondern ergibt sich aus einer Palette von Facetten.

Die du vielleicht in unterschiedlichen Bereichen bei dir selbst bemerkst:

 

Wenn du den Erfolg der neuen Kolleg*innen siehst. Und du darin keine Bedrohung findest (auch, wenn dir deine Gedanken das im ersten Moment erzählen). Sondern Inspiration.

 

Wenn du das Meckern der Kinder hörst. Und du nicht glaubst, dass es etwas mit deinem Wert zu tun hat (auch, wenn dir deine Gedanken das im ersten Moment erzählen).

Sondern die guten Gründe erahnen kannst, die dein Kind für seine Stimmung hat.

 

Wenn du bemerkst, dass dein*e Partner*in nicht auf dem Schirm hat, dass du nach einem anstrengenden Tag Zuwendung gut gebrauchen kannst. Und du dich dagegen entscheidest, anzugreifen. Oder dich zu verkriechen (auch, wenn das dein erster Impuls ist). Sondern einen Schritt wagst und sagst, was für dich wichtig ist.

 

Zum Beispiel.

 

Niemand zeigt sich in allen Bereichen und immer reif.

Entscheidend sind deine eigenen, ganz persönlichen Schritte. Falls du welche gehen willst.

 

Es gibt Übungsfelder. Für die verschiedenen Facetten. Auch wenn die sensiblen Phasen dafür hinter dir liegen.

Und es gibt Hilfsmittel.

 

Neue Situationen. Herausforderungen. 

Wenn du bemerkst, dass du dich irgendwie nicht verhältst, wie du das gerne möchtest. Und eine Idee hast, wie es stattdessen sein könnte.

 

Ein Mensch. Der dich begeistert. 

Der dir Vorbild sein kann. Während er dich unaufgeregt unterstützt. Und dich auch in deinen völlig unreifen Momenten sein lässt, wie du bist.

 

Musik. Die dich erreicht. In den schwierigen Momenten. Und deine Stimmung wie von Zauberhand in einen Bereich bringt, in dem du wieder sein kannst, wie du dich selber magst.

 

Therapie. Manchmal hilft es, sich bestimmte Bereiche gezielt und fokussiert anzuschauen. Wie das zum Beispiel in Therapie der Fall sein kann. Kann. Nicht muss. Therapeut*innen arbeiten unterschiedlich. Du kannst prüfen, ob es passt.

 

Zum Beispiel.

 

Reife ist eine Frage von Haltung. Haltung gegenüber dir selbst. Deinen Mitmenschen gegenüber. Und gegenüber der Welt.

 

Reifes Verhalten bedeutet übrigens nicht, immer nett sein zu müssen. Oder jeden zu mögen. Ganz und gar nicht. Und da sind wir wieder auf dem Erdbeerfeld: Reifes Obst ist nicht immer süß. 

Und eignet sich genau dann vielleicht für Marmelade...

 

 


Dies ist das Blog des Halthafens.

 

Die Ideen für meine Texte ergeben sich aus der Beschäftigung mit psychologischer und systemischer Literatur und Forschung, aktuellen Diskussionen sowie insbesondere auch aus den Erfahrungen in meinem Leben.

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