Genau hinsehen. Ganzheitlichkeit in der Therapie.

Ganzheitlichkeit ist ein Begriff, der etwas damit zu tun hat, dass wir alle relevanten Aspekte einer Sache berücksichtigen. Und wir auch die Beziehung dieser Aspekte zueinander anschauen.

 

Genauer betrachtet, wird der Begriff der Ganzheitlichkeit in vielen Bereichen und in vielfältiger Weise genutzt.

 

Ich möchte ein paar allgemeine Gedanken teilen. Und was Ganzheitlichkeit für mich in meiner Arbeit bedeutet.

 

Wenn es um "das Ganze" geht, gilt meist, dass wir nicht alles berücksichtigen können.

In der Therapie zum Beispiel.

Es lässt sich nicht erschöpfend berücksichtigen, was einen Menschen betrifft.

Jeder Mensch bringt viel mit in die Therapie. Sich selbst. Mit seiner Vergangenheit. Seiner gegenwärtigen Situation. Mit Wünschen und Ängsten seine Zukunft betreffend.

Die Auswahl dessen, was in der Therapie relevant wird, wird auch von Therapeut*innen mitbeeinflusst. Entsprechend der fachlichen Ausrichtung. Und persönlicher Eigenschaften.

Es lassen sich diejenigen Punkte in den Mittelpunkt rücken, die gerade wichtig sind. Oder hilfreich sein könnten. Und besondere Beachtung verdienen.

 

Es macht meines Erachtens nach Sinn zu bedenken, dass jede Menge drumherum ist, wenn wir etwas fokussieren. Auf verschiedensten Ebenen.

 

Mit Blick auf das Ganze ist es zum Beispiel normal,

...wenn ein Kind aufhört sich auf den nächsten Tag zu freuen, weil fünfmal wöchentlich Schule dran ist und dort niemand ist, der wirklich da ist.

...wenn Eine*r in der Partnerschaft die Fassung verliert, weil Alarmbereitschaft gegenüber diesem Satz entwickelt wurde, der damals Schweigen für Wochen vorausgesagt hat.

...wenn Mamas und Papas für bestimmte Stimmungen der Kinder keinen Platz haben, wenn bis heute kein Platz für die eigenen Stimmungen ist.

 

Auch in Bezug auf Veränderungen gibt es ein Drumherum.

Veränderungen einer Person in der Einzeltherapie können zu Veränderungen in der Partnerschaft führen. Oder im Umgang mit den Kindern.

Veränderungen im Umgang mit uns selbst führen zu Veränderungen im Körper. Zunächst einmal, weil es für alle psychischen Prozesse biologische Korrelate gibt. Und besondere Beachtung verdienen auch die Zusammenhänge zwischen unserem Lebensgefühl und dem Immunsystem. Oder der Darm-Hirn-Achse.

 

Ganzheitlichkeit in der Therapie hängt für mich mit der Möglichkeit zusammen, verschiedenen Perspektiven zu nutzen.

Und manchmal geht es um deren Integration.

 

Erstens: Reinzoomen. Wie mit einem Mikroskop. Oder dem Objektiv einer Kamera. Details betrachten.

 

Zweitens: Rauszoomen. Bei unveränderter Position. Das Drumherum mit seinen Zusammenhängen betrachten.

 

Und drittens: Der Betrachtungswinkel verändern. Und auch hier ist Zoomen möglich.

 

Zu Erstens:

Beim Reinzoomen geht es um die Details. Zum Beispiel die Details der Hürden und Hindernisse. Die sich zeigen, wenn die eigenen Ressourcen erschöpft sind.

Die Wut im Büro.

Das Plündern des Kühlschrankes.

Der allabendliche Streit in der Partnerschaft. Oder mit den Kindern.

 

Manchmal lohnt sich ein Blick auf damit zusammenhängende Eigenschaften. Überzeugungen. Körperlichen Reaktionen. Und so weiter.

Manchmal lohnt es sich zu schauen, woher diese vielleicht kommen.

Und oft ganz wichtig: was sich damit machen lässt.

Denn manchmal geht es darum, den Job zu behalten, die Kinder nicht zu verletzen oder die Partnerschaft nicht zu verlieren.

 

Das ist die praktische Umsetzung.

 

Die eine Basis braucht: Haltung.

 

Manchmal lassen sich Stressoren im Außen nicht verändern. Oder wir haben glasklar, dass wir bleiben wollen: auf der Seite unserer Kinder. In der Partnerschaft. In Kontakt mit denen eigenen Eltern. Im Traumjob, der eben diesen einen Haken hat.

Dann dürfen wir uns die Frage stellen, wie sich die eigenen Beruhigungs- und Emtspannungssysteme stärken lassen.

Hierfür lassen sich häufig auch Ressourcen nutzen, die sowieso da sind.

Sie sind manchmal zusammengeschrumpft und nur noch mit einer Lupe erkennbar.

Das macht nichts.

Sie sind da.

 

Zu Zweitens:

Beim Rauszoomen bei gleicher Perspektive können wir schauen, was um einen Menschen herum ist. Da werden manchmal Dinge erkennbar, die so erst einmal nicht erkennbar waren.

Zum Beispiel, wenn das Ziel, dem wir hinterherjagen, gar nicht erreichbar ist. Für niemanden.

Oder wenn wir uns ganz schön weit entfernt haben. Von unseren grundlegenden Bedürfnissen und dem, was unserer Natur entspricht.

Beim Rauszoomen sehen wir, was hinter uns liegt. Wir sehen, was hilfreich war. Oder überhaupt nicht. Beim Rauszoomen sehen wir, was vor uns liegt (zum Teil) und wir können uns ausrichten. Nach der Richtung in die wir gehen wollen. Beim Rauszoomen sehen wir, wer neben uns steht. Und hinter uns. Und dafür sorgt, dass wir nicht fallen. Wir können ganz genau hinsehen (also den Betrachtungswinkel verändern und wieder Ranzoomen). In die Welt die uns umgibt. Auch und insbesondere dann, wenn die Nacht schwarz ist. Und die Sterne drumherum besonders bedeutsam.

Das ist dann drittens: den Betrachtungswinkel verändern und wieder reinzoomen. Dann sind wir beim Prinzip Fernrohr.

 

Ob Raus- oder Reinzoomen gerade sinnvoll ist, hängt ab von verschiedenen Dingen.

Das abzuschätzen ist insbesondere auch Aufgabe der Therapeut*innen.

So oder so:

Ganzheitlichkeit ist immer ein individuelles Konzept.


Dies ist das Blog des Halthafens.
Meine Texte ergeben sich aus der Beschäftigung mit psychologischer und systemischer Literatur und Forschung, meinem Praxisalltag sowie aus den Erfahrungen in meinem Leben.
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