Während und nach der Dürrezeit – warum Hyperemesis gravidarum ein Kinderschutz-Thema ist

Hyperemesis gravidarum ist eine Schwangerschaftskomplikation.

Extreme Übelkeit, extrem häufiges Erbrechen, extreme Abneigung gegen Lebensmittel.

 

Vieles von dem, was mit einer Hyperemesis zusammenhängt, ist extrem - vor allem ist es extrem schlimm.

Für die Frauen, die betroffen sind. Für die Familien, die betroffen sind.

Und dauert extrem lange: Eine Hyperemesis ist anders als die Übelkeit, die viele Frauen zu Beginn der Schwangerschaft haben und meist nach einigen Wochen abebbt. Sie dauert oft bis ins letzte Trimester oder bis zum Ende der Schwangerschaft an. Das bedeutet für betroffene Frauen: mehr als ein halbes Jahr Übelkeit und Übergeben.

Es bedeutet meist auch: Schwierigkeiten zu trinken und zu essen, Schwäche, Antriebslosigkeit.

Logisch, dass all dies wiederum weitere Folgen hat: Sorge um das Baby und Rückzug: Zuhause verkriechen. Weil Kontakt eine Belastung in dieser Verfassung ist. Das schlägt tierisch auf den Gemütszustand. Auf den Gemütszustand schlägt auch, dass es nicht möglich ist, für die Kinder da zu sein - wenn es schon Geschwister gibt.

 

Nur ein sehr kleiner Teil der Schwangeren hat eine Hyperemesis.

Gut, dass auf die Gesamtheit aller Frauen nur wenige betroffen sind.

Das bedeutet aber auch, dass den meisten Schwangeren, Angehörigen, oft auch den Hebammen und Ärztin*innen noch niemand mit einer waschechten Hyperemesis begegnet ist.

Das bedeutet auch, dass die Hyperemesis unterschätzt wird, da sie mit der milderen Form der anfänglichen Schwangerschaftsübelkeit verglichen wird.

Meist fehlen Ideen, was getan werden kann.

Inzwischen gibt es im Netz einige ehrliche und berührende Erfahrungsberichte.

 

Einen Punkt möchte ich in den Mittelpunkt rücken.

Es braucht mehr Feinfühligkeit und Wissen in Bezug auf Hyperemesis.

Denn: es ist keinesfalls egal, was ein Baby im Bauch erlebt!

 

Seit Gerald Hüther und Ingeborg Weser (Buchhinweis findest du unten) ist dazu leicht nachzulesen:

Hat die Mama Stress, hat ihn das Baby auch.

 

(An dieser Stelle möchte ich eines vorweg nehmen: Ich möchte keiner betroffenen Frau oder Familie Angst machen. Im Gegenteil: Ich möchte, dass die Dinge beim Namen genannt werden, damit angemessen gehandelt werden kann.

Weil es Möglichkeiten gibt!)

 

Für ein Baby, dessen Mama eine Hyperemesis durchlebt, sind zwei Stressbereiche relevant:

Erstens: Stress durch die physische Belastung.

Mangelernährung gehört für ein ungeborenes Baby zu den Faktoren, "die die normalerweise ablaufenden Prozesse stören" können (Hüther & Weser, 2015, S. 121).

Mit Übergeben häufig, täglich, monatelang und großen Problemen zu Essen und zu Trinken sind Schwangere mit einer Hyperemesis prädestiniert dafür, sich mangel zu ernähren. Was Menge und Qualität (im Sinne des Nährstoffgehaltes) der Lebensmittel betrifft.

Und zweitens: Stress durch die emotionale Belastung.

Ungeborene Kinder reagieren auf die Gefühle ihrer Mama. Etwas vereinfacht formuliert, kann man sich das auch hier wieder so vorstellen: Ist die Mama angespannt, ist es das Kind auch. Ist die Mama entspannt, ist es das Kind auch. Die Kommunikation in diesem Bereich läuft über verschiedene Wege ab. Beispielweise über die Nabelschnur (Hormone, Sauerstoffzufuhr usw.) und über Bewegungen und Stimme der Mutter.

 

Ja, es ist es normal, dass eine schwangere Frau Verschiedenes er- und durchlebt.

Auch emotionale Belastungen gehören dazu.

Angst und Traurigkeit gehören dazu.

Wie bei jedem Menschen.

Das ist erstmal für Babys kein Problem.

Nur: Mit einer Hyperemesis lebt man eine ziemlich lange Zeit mit einem besonders hohem Maß an Belastung.

 

Eine Hyperemesis-Schwangerschaft birgt also ein gewisses Risiko fürs Baby.

Lasst uns Hyperemesis vom Kind aus denken.

Wenn das passiert, kommen wir endlich dorthin: es braucht Schutz.

Der Schutz des ungeborenen Kindes läuft über seine Mama - deshalb lautet die Frage:

 

Was brauchen Schwangere mit einer Hyperemesis?

 

Die folgenden Punkte verstehe ich als Ideenpool, aus dem herausgegriffen werden könnte, was passt. Ich spreche an dieser Stelle dich als betroffene Frau an - die Ideen könnten vielleicht auch für Partner*innen, Familienmitglieder, Hebammen, Gynäkolog*innen etwas sein.)

 

1. Körperlich versorgt sein:

Zuallererst geht es darum zu schauen, wieviel du trinken und essen (und behalten) kannst. Wie kann sichergestellt werden, dass Mama und Baby ausreichend mit Nährstoffen versorgt sind? Die Idee, dass der Körper genug Reserven hat und das Kind immer gut versorgt ist, darf meines Erachtens mal in Frage gestellt werden, wenn über Monate erbrochen wird. Es sollte bei einer Hyperemesis genauer hingeschaut werden. Schau mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Bewertet die Situation und dann:

  • Schau ob du Infusionen und diese im besten Fall zu Hause bekommen kannst. Oder zumindest ambulant. Wenn du kaum trinken kannst, entlastet es körperlich und oft auch mental eine Grundversorgung zu haben.
  • Lass dir von deiner Ärztin oder deinem Arzt eine Haushaltshilfe attestieren. Beantrage die Hilfe bei der Krankenkasse. Schau, ob du dafür in deiner Nähe eine FamilienLotSinn© findest. Sie kann Essen und Getränke bereitstellen, einkaufen, Geschwisterkinder versorgen. Und vieles mehr.

Vielleicht helfen diese beiden Maßnahmen durch die schwersten Wochen zu kommen.

Vielleicht auch nicht. Zu Medikamenten: lass dich von deiner Ärztin oder deinem Arzt und auch embryotox beraten. Manchmal ist auch Krankenhaus dran.

Egal, ob Medikamente oder Krankenhaus: es bedeutet nicht, dass du es nicht alleine schaffst.

Es bedeutet, dass du für dich und das Baby die Ressourcen ausschöpfst, die hier zur Verfügung stehen.

 

2. Entlastung vom Alltag

  • Aktiviere dein soziales Netz: was kann der Partner oder die Partnerin übernehmen, was die Großeltern und Freund*innen? Können Babysitter*innen gefunden werden? Nutze jede Entlastung. Trau dich zu sagen, was du brauchst.
  • Lass dich zur Ärztin oder zum Arzt begleiten oder noch besser: sie kommen zu dir nach Hause. Frag nach, ob sie das machen.
  • Bespreche mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, welche Lösung für deinen Job gefunden werden kann. Eine Lösung, die dich entlastet.

3. Eine Hand, die (aus)hält

Es braucht jemanden, der dir deine Haare aus dem Gesicht hält. Dich umsorgt. Dir Geborgenheit schenkt. Jemanden, der da ist. Jemanden, der diese Misere mitaushält.

Den Menschen um dich herum fehlen vielleicht die Worte.

Vielleicht muss auch nicht viel gesagt werden.

Vielleicht hilft es dir zu hören: "Ich bin da. Wir schaffen das gemeinsam".

Vielleicht möchtest du nicht hören, dass die Hauptsache ist, dass es dem Baby gut geht (das Baby spielt in dieser Verfassung, in der du ums eigene Leben kämpfst, die Nebenrolle).

Oder, dass es ja bald besser wird (niemand weiß, ob es bis zur Geburt besser wird oder wann).

 

Sag den Menschen, um dich herum, welche Worte dir helfen und welche nicht. Sie können es nicht wissen.

Und ja: die Menschen, die dich begleiten, sollten sich Auszeiten gönnen und gut für sich sorgen. Es ist auch für sie kein Zuckerschlecken und es ist erst einmal ein Dauerzustand.

 

3. Selbstfürsorge

Du kannst es nicht ändern, dass die Hyperemesis dich in deiner Schwangerschaft begleitet.

Und ja, du kannst es dir so schön wie möglich machen.

Richte dir deinen Platz zum Beispiel neben dem Fenster ein, schau in den Himmel, träume vom Leben danach. Nutze Musik. Nutze Duftöle.

Oder bau dir eine dunkle Höhle, wenn du das brauchst.

 

Zur Selbstfürsorge gehört auch, konsequent darauf zu achten, dass du dir nicht einredest oder einreden lässt, du seist Schuld daran, dass die Hyperemesis da ist.

Nein, sie löst sich nicht in Luft auf, wenn du dich "mehr freust", "das Baby in dir akzeptierst", "keine Angst mehr vor der Mutterrolle hast" oder dich "endlich innerlich mit deiner Mutter aussöhnst" (das sind gängige Tipps, die angeboten werden).

 

Eine Hyperemesis lässt sich nicht schön reden.

Es ist normal, wenn du dich nicht über die Schwangerschaft freust.

Es ist normal, wenn du bereust, schwanger geworden zu sein.

Das alles hat nichts mit dir und deinem Baby zu tun. Sondern mit dir und der Hyperemesis.

Die Freude kommt dann, wenn sie dran ist. Das ist manchmal erst am Ende der Schwangerschaft. Oder danach. Und das ist ok.

 

5. Professionelle Hilfe, wenn es geschafft ist

In einer Schwangerschaft mit einer Hyperemesis stecken viele Themen. Und Herausforderungen.

Wo kannst du die Hilflosigkeit, Abhängigkeit und Einsamkeit, die du vielleicht erlebt hast, für dich einsortieren?

Wo findet die Trauer um die Schwangerschaft, die du nicht hattest, einen Platz?

Wie kannst du mit den Sorgen um das Baby, die geblieben sind, umgehen?

Zum Beispiel.

Vielleicht beschäftigt dich auch etwas ganz anderes.

Hol dir professionelle Hilfe. Zum Beispiel von Beratungsstellen und Psychotherapeut*innen.

Für all das lässt sich ein Platz finden.

 

...Mich hat die Hyperemesis durch zwei Schwangerschaften begleitet.

Das Leben mit meinen Kindern ist ein wunderschönes Abenteuer.

Dies lässt die Erinnerung an die Schwangerschaften verblassen.

Doch auch für mich gilt: eine Hyperemesis lässt sich nicht schön reden.

Ich bin und bleibe traurig, wenn ich an diese Zeiten zurückdenke.

 

Literaturhinweis:

Hüther, G. & Weser, I. (2015). Das Geheimnis der ersten neun Monate – Reise ins Leben. Weinheim: Beltz.


Dieser Text fasst meine persönlichen Erfahrungen mit der Hyperemesis und meine Gedanken als Psychologin zusammen. Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Meine Ideen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Gültigkeit für jede Frau und Familie. Ich möchte Ideen zusammentragen und mit ihnen zu einem feinfühligen und kompetenten Umgang mit dem Thema beitragen.

 

Für Frauen, die sich während oder nach einer Hyperemesis Gravidarum individuelle psychologische Unterstützung wünschen, biete ich E-Mail-Beratung in kleinem Umfang an. Wenn du dich hierfür interessierst, kontaktiere mich gerne mit all deinen Fragen.


Dies ist das Blog des Halthafens.

 

Meine Texte ergeben sich aus der Beschäftigung mit psychologischer und systemischer Literatur und Forschung, meinen Erfahrungen in der Paartherapie mit Eltern in meiner Praxis in Darmstadt und der Paarberatung online sowie aus meinem Leben als Mama von zwei Kindern. Wenn du über neue Texte informiert werden magst, folge mir gerne auf Instagram oder trage dich gern für meinen Newsletter ein.