Während und nach der Dürrezeit – warum Hyperemesis gravidarum ein Kinderschutz-Thema ist

Körperliche Symptome und psychische Folgen der Hyperemesis gravidarum

Hyperemesis gravidarum ist eine Schwangerschaftskomplikation.

Betroffene Frauen erleben extreme Übelkeit, häufiges Erbrechen und eine starke Abneigung gegen Lebensmittel.

 

Viele Symptome, die mit einer Hyperemesis zusammenhängen, sind sehr stark ausgeprägt und so erleben Frauen die Zeit mit einer Hyperemesis gravidarum meist als sehr schlimm - und mit ihnen häufig auch ihre Familien, die mitbetroffen sind.

 

Eine Hyperemesis gravidarum ist anders als die Übelkeit, die viele Frauen zu Beginn der Schwangerschaft haben und meist nach einigen Wochen abebbt. Sie dauert oft bis ins letzte Trimester oder bis zum Ende der Schwangerschaft an. Das bedeutet für betroffene Frauen: mehr als ein halbes Jahr Übelkeit und Übergeben.

Es bedeutet meist auch: Schwierigkeiten zu trinken und zu essen, Schwäche, Antriebslosigkeit.

Diese Symptome wiederum haben Folgen: Zum einen die Sorge um das Baby ("Ist es ausreichend versorgt?" und "Welche psychischen Folgen kann eine Hyperemesis für ein ungeborenes Kind haben?").  Außerdem ziehen sich betroffene Frauen zurück. Sie verkriechen sich Zuhause, weil Kontakt zu anderen Menschen - oft auch zu Lieblingsmenschen - eine Belastung in dieser Verfassung ist. Auf Dauer führt dieser Rückzug häufig zu Gefühlen der Einsamkeit. Häugig erleben die Schwangeren außerdem starke Gefühle der Hilflosigkeit, Ärger und eine tiefe Traurigkeit - auch, weil es nicht möglich ist, für die Kinder da zu sein, wenn es schon Geschwister gibt.

 

Nur ein sehr kleiner Teil der Schwangeren hat eine Hyperemesis.

Es ist gut, dass auf die Gesamtheit aller Frauen nur wenige betroffen sind.

Das bedeutet aber auch, dass den meisten Schwangeren, Angehörigen, oft auch den Hebammen und Ärztin*innen noch niemand mit einer waschechten Hyperemesis gravidarum begegnet ist.

Und diese Tatsache führt wiederum häufig dazu, dass die Hyperemesis unterschätzt wird, da sie mit der milderen Form der anfänglichen Schwangerschaftsübelkeit verglichen wird.

Den Menschen im privaten Umfeld der Schwangeren und auch Fachleuten fehlen Ideen, was getan werden kann.

 

Hyperemesis gravidarum vom Kind aus gedacht

Inzwischen gibt es im Netz einige ehrliche und berührende Erfahrungsberichte.

Einen Punkt möchte ich mit diesem Text in den Mittelpunkt rücken.

Es braucht mehr Feinfühligkeit und Wissen in Bezug auf Hyperemesis, denn: es ist nicht egal, was ein Baby im Bauch erlebt. Neben der Perspekte der betroffenen Frauen liegt mir auch der Blick auf die ungeborenen Babys am Herzen.

 

Aus einer Vielzahl an Studien ist bekannt: Hat die Mama Stress, hat ihn das Baby auch.

(Ein anschauliches und informatives Buch zu diesem Thema gibt es beispielsweise von Gerald Hüther und Ingeborg Weser. Den Buchhinweis findest du unten.)

 

An dieser Stelle möchte ich gerne vorweg nehmen: Ich möchte keiner betroffenen Frau oder Familie Angst machen. Worum es mir geht ist: Ich möchte, dass die Dinge beim Namen genannt werden, damit angemessen gehandelt werden kann, weil es Möglichkeiten gibt! Auch mit einer Hyperemesis gravidarum geht es darum, zu akzeptieren, was sich nicht ändern lässt und gleichzeitig den eigenen Handlungsspielraum als Familie auszuschöpfen.

 

Für ein Baby, dessen Mama eine Hyperemesis durchlebt, sind zwei Stressbereiche relevant:

Erstens der Stress durch die physische Belastung. Mangelernährung gehört für ein ungeborenes Baby zu den Faktoren, "die die normalerweise ablaufenden Prozesse stören" können (Hüther & Weser, 2015, S. 121).

Mit Übergeben häufig, täglich, monatelang und großen Problemen zu Essen und zu Trinken sind Schwangere mit einer Hyperemesis prädestiniert dafür, sich mangel zu ernähren - was Menge und Qualität (im Sinne des Nährstoffgehaltes) der Lebensmittel betrifft.

Zweitens können ungeborene Babys durch die emotionale Belastung der Mama Stress erleben.

Ungeborene Kinder reagieren auf die Gefühle ihrer Mama. Stark vereinfacht formuliert, kann man sich das auch hier so vorstellen: Ist die Mama angespannt, ist es das Kind auch. Ist die Mama entspannt, ist es das Kind auch. Die Kommunikation in diesem Bereich läuft über verschiedene Wege ab. Beispielweise über die Nabelschnur (Hormone, Sauerstoffzufuhr usw.) und über Bewegungen und Stimme der Mutter.

 

Es ist es ganz normal, dass eine schwangere Frau verschiedene Zustände er- und durchlebt. Jede schwangere Frau erlebt eine breite Palette an Gefühlen im Laufe ihrer Schwangerschaft.

Auch emotionale Belastungen können zu einer Schwangerschaft dazugehören.

Gefühle von Angst und Traurigkeit gehören dazu - so wie sie bei jedem Menschen zum Leben dazugehören.

Das ist erstmal für Babys kein Problem.

Nur: Mit einer Hyperemesis lebt eine Frau eine ziemlich lange Zeit mit einem besonders hohem Maß an Belastung.

 

Eine Hyperemesis-Schwangerschaft birgt also ein gewisses Risiko fürs Baby.

Lasst uns Hyperemesis vom Kind aus denken.

Wenn das passiert, kommen wir endlich dorthin: es braucht Schutz.

Der Schutz des ungeborenen Kindes läuft über seine Mama - deshalb lautet die Frage:

 

Was brauchen Schwangere mit einer Hyperemesis?

 

Was schwangere Frauen mit einer Hyperemesis körperlich und psychisch stärken kann

Die folgenden Punkte verstehe ich als Ideenpool, aus dem jede Frau herausgreifen kann, was für sie hilfreich sein kann. Ich spreche an dieser Stelle dich als betroffene Frau an - die Ideen könnten vielleicht auch für Partner*innen, Familienmitglieder, Hebammen, Gynäkolog*innen hilfreich sein sein.

 

1. Körperlich versorgt sein

Zuallererst geht es darum zu schauen, wieviel du trinken und essen (und behalten) kannst. Wie kann sichergestellt werden, dass Mama und Baby ausreichend mit Nährstoffen versorgt sind? Die Idee, dass der Körper genug Reserven hat und das Kind "immer gut versorgt ist", darf meines Erachtens mal in Frage gestellt werden, wenn über Monate erbrochen wird. Es sollte bei einer Hyperemesis gravidarum genauer hingeschaut werden. Schau mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, bewertet die Situation und dann:

  • Schau ob du Infusionen für deine Grundversorgung und diese im besten Fall zu Hause bekommen kannst. Oder zumindest ambulant. Wenn du kaum trinken kannst, entlastet es körperlich und oft auch mental eine Grundversorgung zu haben.
  • Lass dir von deiner Ärztin oder deinem Arzt eine Haushaltshilfe attestieren. Beantrage die Hilfe bei der Krankenkasse. Schau, ob du dafür in deiner Nähe eine FamilienLotSinn© findest. Sie kann Essen und Getränke bereitstellen, einkaufen, Geschwisterkinder versorgen und vieles mehr.

Vielleicht helfen diese beiden Maßnahmen durch die schwersten Wochen zu kommen.

Vielleicht braucht es zusätzlich Medikamente: lass dich von deiner Ärztin oder deinem Arzt und auch embryotox beraten. . Egal, ob Medikamente oder vielleicht auch Krankenhaus-Aufenthalte: es bedeutet nicht, dass du es nicht alleine schaffst.

Es bedeutet, dass du für dich und das Baby die Ressourcen ausschöpfst, die euch zur Verfügung stehen, um diese Zeit durchzustehen.

 

2. Entlastung vom Aufgaben im Alltag

  • Aktiviere dein soziales Netz: was kann der Partner oder die Partnerin übernehmen, wo können die Großeltern und Freund*innen unterstützen? Können Babysitter*innen gefunden werden? Nutze jede Entlastung. Trau dich zu sagen, was du brauchst.
  • Lass dich zur Ärztin oder zum Arzt begleiten oder noch besser: sie kommen zu dir nach Hause. Frag nach, ob sie das machen.
  • Bespreche mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, welche Lösung für deinen Job gefunden werden kann - eine Lösung, die dich entlastet.

3. Eine Hand, die (aus)hält

Es braucht jemanden, der dir deine Haare aus dem Gesicht hält. Einen Menschen, der dich umsorgt und dir Geborgenheit schenkt. Einen Menschen, der für dich da ist und diese Misere mitaushält.

Den Menschen um dich herum fehlen vielleicht die Worte. Vielleicht muss auch nicht viel gesagt werden.

Vielleicht hilft es dir zu hören: "Ich bin da. Wir schaffen das gemeinsam".

Vielleicht möchtest du nicht hören, dass die Hauptsache ist, dass es dem Baby gut geht (das Baby spielt in dieser Verfassung, in der du ums eigene Leben kämpfst, die Nebenrolle). Wahrscheinlich möchtest du auch nicht hören, dass es ja bald besser wird (denn in diesem Moment ist es einfach nur schrecklich und niemand weiß, ob es bis zur Geburt besser wird oder wann).

 

Sag deinen Lieblingsmenschen, welche Worte dir helfen und welche nicht. Sie können es nicht wissen.

Die Menschen, die dich begleiten, sollten sich durchaus auch Auszeiten gönnen und gut für sich sorgen. Es ist auch für sie kein Zuckerschlecken und es ist erst einmal ein Dauerzustand.

 

4. Selbstfürsorge

Du kannst es nicht ändern, dass die Hyperemesis gravidarum dich in deiner Schwangerschaft begleitet.

Du kannst es dir dennoch so schön wie möglich machen.

Richte dir zum Beispiel neben dem Fenster einen Platz ein, schau in den Himmel, träume vom Leben danach. Nutze Musik oder Duftöle, jeder wohltuende Sekunde ist wertvoll.

Oder bau dir eine dunkle Höhle, wenn du das brauchst.

 

Zur Selbstfürsorge gehört auch, konsequent darauf zu achten, dass du dir nicht einredest oder einreden lässt, du seist Schuld daran, dass die Hyperemesis da ist.

Sie löst sich nicht in Luft auf, wenn du dich "mehr freust", "das Baby in dir akzeptierst", "keine Angst mehr vor der Mutterrolle hast" oder dich "endlich innerlich mit deiner Mutter aussöhnst" (das sind gängige Tipps, die Frauen mit einer Hyperemesis gravidarum immer wieder angeboten werden).

 

Eine Hyperemesis lässt sich nicht schön reden.

Es ist normal, wenn du dich nicht über die Schwangerschaft freust.

Es ist normal, wenn du bereust, schwanger geworden zu sein.

Das alles hat nichts mit dir und deinem Baby zu tun. Sondern mit dir und der Hyperemesis.

Die Freude kommt dann, wenn sie dran ist. Das ist manchmal erst am Ende der Schwangerschaft. Oder danach. Und das ist ok.

 

5. Professionelle Hilfe, wenn es geschafft ist

In einer Schwangerschaft mit einer Hyperemesis stecken viele Themen und Herausforderungen.

Wie kannst du die Hilflosigkeit, Abhängigkeit und Einsamkeit, die du vielleicht erlebt hast, für dich sortieren?

Wo findet die Trauer um die Schwangerschaft, die du nicht hattest, einen Platz?

Wie kannst du mit den Sorgen um das Baby, die geblieben sind, umgehen?

Dies sind einige Dinge, die viele betroffene Frauen beschäftigen. Vielleicht beschäftigt dich auch etwas ganz anderes.

Hol dir professionelle Hilfe, zum Beispiel von Beratungsstellen und Psychotherapeut*innen.

Für all das lässt sich ein Platz finden.

 

...Mich hat die Hyperemesis durch zwei Schwangerschaften begleitet.

Das Leben mit meinen Kindern ist ein wunderschönes Abenteuer.

Dies lässt die Erinnerung an die Schwangerschaften verblassen.

Und auch für mich gilt gleichzeitig: eine Hyperemesis gravidarum lässt sich nicht schön reden.

Ich bin und bleibe traurig, wenn ich an diese Zeiten zurückdenke.

 

Literaturhinweis:

Hüther, G. & Weser, I. (2015). Das Geheimnis der ersten neun Monate – Reise ins Leben. Weinheim: Beltz.


Dieser Text fasst meine persönlichen Erfahrungen mit der Hyperemesis und meine Gedanken als Psychologin zusammen. Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Meine Ideen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Gültigkeit für jede Frau und Familie. Ich möchte Ideen zusammentragen und mit ihnen zu einem feinfühligen und kompetenten Umgang mit dem Thema beitragen.

 

Für Frauen, die sich während oder nach einer Hyperemesis Gravidarum individuelle psychologische Unterstützung wünschen, biete ich E-Mail-Beratung in kleinem Umfang an. Wenn du dich hierfür interessierst, kontaktiere mich gerne mit all deinen Fragen.


Dies ist das Blog des Halthafens.

 

Meine Texte ergeben sich aus der Beschäftigung mit psychologischer und systemischer Literatur und Forschung, meinen Erfahrungen in der Paartherapie mit Eltern in meiner Praxis in Darmstadt und der Paarberatung online sowie aus meinem Leben als Mama von zwei Kindern. Wenn du über neue Texte informiert werden magst, folge mir gerne auf Instagram oder trage dich gern für meinen Newsletter ein.