Vom Notizbuch neben der Haustüre - eine schreibtherapeutische Idee

Als meine Tochter drei Jahre alt war, hatte ich eine zeitlang ein kleines Notizbuch und einen Stift neben unserer Haustüre liegen.
Ich hatte festgestellt, dass ich kurz vorm Rausgehen mit den Kindern besonders anfällig dafür war, zu meckern und unfair zu werden: in den Modus des „sprechenden Elternautomaten“ zu verfallen, wie Jesper Juul das (in seinem Buch "Dein kompetentes Kind", S. 169) nennt: Wenn wir abwertenden, immergleichen Text an das Kind dran reden. Was eher zur eigenen Entlastung dient. Es hilft gar nicht dabei, schneller aus dem Haus zu kommen. Und schon gar nicht dabei, dass sich unser Kind wohlfühlt mit uns.
Als die Nächte mal wieder besonders kurz waren und ich merkte, dass in den besagten Situationen auch meine Wut dazu kam, wenn sich das Hausverlassen ins Unermessliche verzögerte, war klar: ich brauche was anderes. Ich legte also dieses Notizheftchen bereit, in das ich ungefiltert alles vermerken konnte, was sich mir vor der Haustüre an Gedanken aufdrängte. Perfekt! Alles loswerden ohne es an die Kinder heranzuklatschen. Damit es gut lief mit dem Heft, brauchte ich noch ein rotes Din-A4-Hinweisschild an der Türe - ein Signal das in Momenten des inneren Sturms zu mir durchdringen konnte.
Wenn der Energiehaushalt aus der Balance gerät, wenn wir aus Hilflosigkeit Sätze sagen und Dinge tun, die wir nicht sagen und tun wollen, dann nehmen wir uns oft vor: "ab jetzt einfach nicht mehr ärgerlich zu werden" oder "nächstes Mal ganz sicher gelassen zu bleiben". Diese Ideen sind so weit verbreitet wie unrealistisch.
Die Unausgeglichenheit, die Unzufriedenheit, die Wut sind manchmal da. Das ist ok.

Spannend ist die Frage: Wohin damit? Wir brauchen was stattdessen. Irgendwas muss man ja machen.
Das "Notfall-Notizheft" lässt sich übrigens auch in der Partnerschaft einsetzen: erstmal alles aufschreiben und nach dem emotionalen Sturm entscheiden, was davon wirklich für den Anderen bestimmt ist. Denn nicht alles, was uns in den Sinn kommt hilft – sondern vieles verletzt einfach nur.
Mit einem solchen Text kann man wunderbar weiterarbeiten. Man kann diesen Text anschauen und sehen, welche Gedanken drinstecken. Ob diese Gedanken in irgendeiner Form hilfreich sind - oder ob man sie getrost vorbei ziehen lassen möchte ohne ihnen besondere Bedeutung beizumessen...

 

 

Literaturhinweis:

Juul, J. (2011). Dein kompetentes Kind. Auf dem Weg zu einer neuen Wertgrundlage für die ganze Familie. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

 


Dies ist das Blog des Halthafens.

Die Ideen für meine Texte ergeben sich aus der Beschäftigung mit psychologischer und systemischer Literatur und Forschung, aktuellen Diskussionen sowie insbesondere auch aus den Erfahrungen in meinem Leben.

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